09.07.2013 Andreas Klee

Ist das Zentrale-Orte-Konzept noch zeitgemäß?

Frühjahrssitzung der LAG Bayern

Das Zentrale-Orte-Konzept ist eng verbunden mit einem weitreichenden Steuerungsanspruch in der Raumplanung. Ist es angesichts veränderter gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen noch aktuell, oder bedarf es einer Neujustierung? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Frühjahrssitzung der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Bayern am 8. April 2013, die vom Vorsitzenden der LAG Dr. Jürgen Weber geleitet wurde. Gründe für eine Änderung gibt es genug: Der mit dem Konzept insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren verbundene weitreichende staatliche Steuerungsanspruch der Raumentwicklung hat im Laufe der Jahre einen geringeren Stellenwert im politischen und planerischen Handeln bekommen. Zudem haben sich die Lebensweisen der Menschen stark verändert. Aufgrund eines stark gestiegenen Motorisierungsgrades können heute viele Orte schneller und bequemer erreicht werden, was sich insbesondere im Einkaufs- und Freizeitbereich zeigt. Dementsprechend stimmen die aktionsräumlichen Muster der Menschen heute viel weniger mit den zentralörtlichen Prinzipien überein. Auch die Wirtschaftsentwicklung im Zeichen der Globalisierung führt zu einer partiellen Neubewertung Zentraler Orte. Es ließen sich mühelos viele weitere Rahmenbedingungen nennen, die zu einer Neubewertung des Konzeptes und möglicherweise zu einer Weiterentwicklung führen können. Auch in Bayern nehmen die Diskussionen zum Stellenwert der Zentralen Orte in der Landes- und Regionalplanung zu. Die Novellierung des Bayerischen Landesentwicklungsprogramms – zu dem die LAG Bayern Stellungnahmen abgegeben hat – sieht beispielsweise eine Reduzierung der Zentralitätsstufen vor, aber keine Reduzierung der Zahl der Zentralen Orte. Wie sind solche Änderungen zu beurteilen?

Zum Einstieg in die Diskussion stellte Dr. Gerd Rojahn, Leiter des Referates „Landes- und Regionalentwicklung, Landesplanung“ im Ministerium für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung Rheinland-Pfalz und Leiter der Arbeitsgruppe „Ausstattungsprofile Zentraler Orte unter veränderten Rahmenbedingungen“ der LAG Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland den gegenwärtigen Stellenwert des Konzepts sowie Ansatzpunkte für dessen Weiterentwicklung vor. Anschließend präsentierte Dr. Alina Schoenberg von der Universität der Bundeswehr München Ergebnisse einer Studie über die Funktionen und Ausstattungskriterien von Zentralen Orten. Ziel der Studie war es, zu überprüfen, ob die gegenwärtig in Bayern ausgewiesenen und die künftigen Zentralen Orte auch die zentralörtlichen Funktionen und Ausstattungskriterien aufweisen, die sie gemäß den Vorgaben als planerisches Steuerungsinstrument haben sollten. Vereinfacht ausgedrückt wurde der Frage nachgegangen, ob die Zentralen Orte tatsächlich den ihnen zugedachten Bedeutungsüberschuss haben und ob sie auf der „richtigen“ Zentralitätsstufe angesiedelt sind. Die Ergebnisse waren hinsichtlich ihrer Deutlichkeit überraschend: Viele Zentrale Orte sind und werden in eine höhere Kategorie eingestuft, als es hinsichtlich ihrer jeweiligen Ausstattungsmerkmale sinnvoll wäre, so Schoenberg. Kann so eine nachhaltige Steuerung der räumlichen Entwicklung in Bayern bewirkt werden?

Die Diskussion der beiden Vorträge war lebhaft. Einigkeit bestand aber dahingehend, dass das System der Zentralen Orte in den deutschen Landesentwicklungs- und Regionalplänen einer Novellierung unterzogen werden müsste. Dabei sollte das System teilräumlich und inhaltlich flexibler gehandhabt werden können. Durch eine Reduzierung der Zahl der Zentralitätsstufen könnte das Steuerungspotenzial erhöht werden. Hierin liegen wichtige Aufgaben sowohl für die räumliche Planung auf der Ebene der Länder und der Regionen als auch für die Raumwissenschaften. Die Mitglieder der LAG Bayern sprachen sich für eine verstärkte Befassung mit dem System der Zentralen Orte in Bayern aus, möglichst im Rahmen einer neuen Arbeitsgruppe. Hierüber wird voraussichtlich bei der nächsten Mitgliederversammlung entschieden.

Neben den Zentralen Orten standen weitere Punkte auf dem Programm der Frühjahrssitzung. Oliver Weidlich, Leiter des Sachgebietes „Raumordnung, Landes- und Regionalplanung“ bei der Regierung von Unterfranken in Würzburg stellte die aktuellen Herausforderungen der räumlichen Planung vor. In den Mittelpunkt stellte er die Planungen im Zusammenhang mit der Energiewende, insbesondere die Planung von Vorranggebieten für die Erzeugung regenerativer Energien sowie die damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Standortsuche im Spannungsfeld notwendiger Windhöffigkeit, Landschaftsschutz und Bürgerprotesten. Prof. Dr. Christian Jacoby von der Universität der Bundeswehr München stellte die Ergebnisse der von ihm geleiteten Ad-hoc-Arbeitsgruppe zur Novellierung des Bayerischen Landesplanungsgesetzes und des Bayerischen Landesentwicklungsprogramms vor. Kurzberichte aus den beiden laufenden Arbeitsgruppen „Klimawandel und Nutzung regenerativer Energien als Herausforderungen für die Raumordnung“ und „Tourismus und Regionalentwicklung in Bayern“ rundeten die Mitgliederversammlung ab.