11.03.2020 Annika Mayer

Call for Membership: Zukunft der Planung

Die ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft sucht engagierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Bildung eines neuen Arbeitskreises zum Thema „Zukunft der Planung“.

Die ARL versteht sich als ein interdisziplinäres Forum für Wissenschaft und Praxis, in dem raum- und planungsbezogenes Wissen im Dialog generiert, reflektiert und vermittelt wird. Sie erforscht Räume als Bedingung und Ausdruck gesellschaftlicher Praxis. Organisiert ist die ARL als Netzwerk von Fachleuten für Fragen der Raumentwicklung.

Problemaufriss

Das heutige politisch-administrative System der Raumplanung ist im 20. Jahrhundert zunächst als Antwort auf die Missstände in den Industriestädten des 19. Jahrhunderts entstanden. 1965, in der Hochphase der Planungseuphorie, wurde das mehrstufige System der Raumordnung in Deutschland mit einer begrenzten Bundesraumordnung und flächendeckenden Plänen auf Ebene der Länder und Regionen geschaffen und hat sich bis heute ungeachtet aller Krisendebatten erstaunlich stabil entwickelt. Dabei haben sich seither nicht nur Planungsmethoden und Planungsverständnisse einschneidend verändert. Auch Gesellschaft, Wirtschaft und Staat haben sich in den vergangenen 50 Jahren grundlegend gewandelt und stellen die integrative Raumordnung vor neue Herausforderungen.

Auffällig ist zudem, dass im Gegensatz zur Konstanz der organisatorischen Verfasstheit und dem formal unveränderten Steuerungsanspruch sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene der politische Stellenwert der Raumordnung signifikant gesunken ist. In grundsätzlichen politischen Debatten mit expliziten räumlichen Bezügen, wie aktuell etwa zu gleichwertigen Lebensverhältnissen, zur Energiewende, zum demographischen Wandel oder zu neuen Mobilitätsformen, sind Akteure der Raumordnung kaum noch oder nur wenig sichtbar. Politisch betrachtet droht die Raumordnung bei scheinbar abgesicherter formaler Existenz und trotz großer Relevanz raumbezogener Herausforderungen faktisch immer bedeutungsloser zu werden. Hinsichtlich der Praxis bestehen zudem Kritikpunkte, wie extrem lange Verfahren und komplexe, wenig flexible Planwerke in Zeiten raschen Wandels sowie Umsetzungsdefizite.

Daher stellt sich die Frage, ob das System der Bundesraumordnung, der Landes- und Regionalplanung auch künftig unverändert bestehen bleiben wird. Die Politik insgesamt ist im 21. Jahrhundert dabei, sich grundsätzlich zu ändern. Wir erleben eine Krise der liberalen Demokratie, das Erstarken von populistischen Bewegungen und Autokratien. Verbreitete Skepsis gegenüber staatlichem Handeln, Politikverdrossenheit und das Propagieren „alternativer Fakten“ stellen das Ideal einer rationalen und wissenschaftlich begründeten Planung systematisch in Frage. Es scheint fast so, als würde Politik heute mehr via Twitter als in Parlamenten gemacht. Über Social Media kann heute jeder Informationen aus fragwürdigen Quellen ungeprüft verbreiten und zu einem umfassenden System der Desinformation beitragen. Echokammern und Social Bots schaffen alternative Realitäten in digitalen Parallelgesellschaften. Was bedeuten die neuen Technologien und gesellschaftlichen Entwicklungen für Partizipationsverfahren, die auf der Utopie einer idealen Sprechsituation basieren? Wutbürger und Internet-Trolle entziehen sich weitgehend jeder Form von Kooperation und Kompromiss und damit den Herzstücken einer abwägenden, am Gemeinwohl orientierten Planung.

Bisher findet kaum eine Debatte darüber statt, wie sich Raumordnung als Politikfeld auf diese neuen Realitäten einstellen kann. Sie wird sich dem aber auf Dauer nicht entziehen können. Zudem liegen in den beschriebenen Trends durchaus auch Chancen für die Planung. Braucht es künftig nicht mehr denn je rationale und partizipative Ansätze des Interessenausgleichs und der Verständigung? Nur, wie können die unter neuen Vorzeichen aussehen und attraktiv für Politik und Gesellschaft organisiert werden?

Ziele und geplante Ergebnisse des AK

Ziel des Arbeitskreises ist einerseits eine Analyse des Bedeutungsverlustes des Politikfeldes Raumordnung und eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer heutigen Situation inkl. der unübersehbaren Defizite. Andererseits sollen Szenarien zu alternativen Zukünften der Organisation und Orientierung der Raumordnung auf Ebenen des Bundes, der Länder und der Regionen entwickelt werden. Dabei soll der Blick, auch vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftstheoretischer und -wissenschaftlicher Debatten, bewusst auf grundsätzliche Herausforderungen und langfristige Perspektiven gelenkt werden. Es geht um das Nachdenken über die Planung von übermorgen, um den politischer Wert integrativer Ansätze verantworteter Raumentwicklung auf den überörtlichen Maßstabsebenen im 21. Jahrhundert.

Die Arbeit des AK wird sich in zwei Phasen gliedern: in der ersten Phase sollen noch im Detail zu entwickelnde Dialogformate die gegenwärtige Lage der überörtlichen Raumplanung thematisieren und mögliche Optionen in zwei bis drei Werkstätten diskutieren. Die Binnensicht der Raumplanung soll dabei mit Hilfe von externen Impulsen aus anderen Disziplinen, wie der Politikwissenschaft und der Zukunftsforschung, aber auch aus anderen Ländern um eine Perspektive von außen ergänzt werden. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf Zukunftsfragen der Raumordnung: Wohin steuert die Raumplanung in einer immer komplexeren Welt? Welchen Stellenwert hat die gemeinwohlverpflichtete Raumplanung in einer Welt harter Interessen? Welche potenziellen Leistungen könnte die Raumplanung im politischen System künftig erbringen? 

In der zweiten Phase wird es dann darum gehen, auf Basis der Analyse und unter Beteiligung von Vertreter*innen der Planungspraxis sowie der Planungswissenschaft Szenarien zur Zukunft der Planung auf den überörtlichen Ebenen in Deutschland im Sinne einer strategischen Vorausschau zu entwickeln, alternative Zukünfte als Grundlage von Handlungsstrategien zu diskutieren und daraus Empfehlungen zur Zukunft der Planung abzuleiten.

Mögliche Produkte des Arbeitskreises sind z.B. ein Special Issue oder Einzelbeträge in referierten Fachzeitschriften und/oder in den Veröffentlichungsreihen der ARL zu den Herausforderungen und Perspektiven räumlicher Planung im 21. Jahrhundert sowie ein Policy Paper mit Thesen zur Zukunft der Raumplanung.

Organisation

Ein ARL-Arbeitskreis hat in der Regel eine Laufzeit von drei Jahren, trifft sich zweimal im Jahr und umfasst bis zu 12 Mitglieder. Es besteht zudem die Möglichkeit, externe Expertinnen und Experten zu Vorträgen einzuladen. Die Mitglieder verfassen ein Arbeitsprogramm, leisten Beiträge zum Gesamtergebnis des AK und tragen zu einer allgemeinverständlichen Kommunikation der Ergebnisse bei. Reisekosten für die Treffen werden seitens der ARL erstattet.

Organisiert wird der ARL-Arbeitskreis von Prof. Dr. Thorsten Wiechmann (TU Dortmund).

Bewerbung

Der Call for Membership richtet sich an Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher disziplinärer Zugänge (z. B. Geographie, Raumplanung, Soziologie, Politik- oder Verwaltungswissenschaften), die sich mit Zukunft der Planung in Wissenschaft und Praxis beschäftigen.

Wenn Sie sich angesprochen fühlen und Interesse an einer Mitarbeit im Arbeitskreis haben, senden Sie uns bitte bis zum

15. April 2020

  • eine kurze Skizze (maximal 6.000 Zeichen ohne Leerzeichen) Ihrer Forschungsinteressen im Kontext des Arbeitskreises,
  • einen kurzen Lebenslauf (maximal eine Seite) einschließlich
  • Angaben zu (maximal 3) relevanten Publikationen und/oder Praxis-Projekten.

Bitte senden Sie Ihre Unterlagen an Dr. Martin Sondermann und Vanessa Mena (ARL; E-Mail: mena@arl-net.de; Telefon: +49 511 34842-23). Für inhaltliche Fragen steht Ihnen Herr Wiechmann (TU Dortmund: +49 231 755-5428; thorsten.wiechmann@tu-dortmund.de) gern zur Verfügung.