Ausgehend von der klassischen Forderung, sich mit der Theorie-Praxis-Lücke zu beschäftigen – „Mind the Gap“ – zeigten wir in diesem Arbeitskreis eine andere Deutungsweise auf, welche sich nur bedingt anhand der Dichotomie Theorie und Praxis erklären lässt. Vielmehr standen die vielfältige Dreiecksbeziehung von Wissenschaft, Theorie und Praxis sowie die Suche nach ‚blinden Flecken‘ – gemäß dem Motto „Finding Gaps“ – im Fokus.

Abbildung: Dreiecksbeziehung Theorien, Wissenschaft und Praxis

Bei Planungstheorien handelt es sich aus unserer Sicht um abstrahierte, gedankliche Konstrukte, welche räumliches Planen in seinen Inhalten und Verfahrensweisen (substantiell/prozedural) abbilden. Diese Theorien können sowohl nach wissenschaftlichen Regeln konstruiert werden als auch auf Erfahrungswissen basieren, also sowohl in der Planungswissenschaft als auch in der Planungspraxis generiert werden (vgl. Abbildung). Alle Theorien entstehen unserer Ansicht nach nicht in grundsätzlich verschiedenen Handlungsfeldern, sondern in einem Kontinuum aus wissenschaftlichen und praktischen Beobachtungen, Deutungen und Abstraktionen planerischer Realitäten. Planungstheorien werden in diesem Sinne zu veränderlichen Anteilen aus den beiden der Theorie nachgelagerten Handlungsfelder der Wissenschaft und Praxis  gespeist.

Die Planungswissenschaft ist ein Tätigkeitsfeld, in dem sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegenständlich mit räumlicher Planung befassen, diese empirisch erforschen und als Lehrende zukünftige Planerinnen und Planer ausbilden. Die Besonderheit der Planungswissenschaften besteht darin, dass es ein direkt korrespondierendes Handlungsfeld gibt. Daraus ergibt sich ein gewisser Anspruch an die Anwendbarkeit planungswissenschaftlicher Forschung und Lehre, welche für andere Disziplinen (wie die Geographie) nicht bestehen, da diese keinen unmittelbaren Berufs- und Handlungsbereich ansprechen. Der Beitrag der Planungswissenschaft für die Planungspraxis besteht beispielsweise darin, dass sie

  • die theoretischen Grundlagen für das planerische Handeln liefert, also Wissen darüber, was und wie geplant wird,
  • planerisches Wissen aufbereitet, schriftlich fixiert und damit eine Grundlage für die universitäre Ausbildung und den fachlichen Austausch schafft,
  • strukturelle und prozessuale Stärken und Schwächen erkennt und Anpassungsmöglichkeiten aufzeigt und
  • ein Angebot von zahlreichen Planungstheorien schafft, welche Praktikerinnen und Praktiker je nach Aufgabe und Situation zur Unterstützung und Rechtfertigung des eigenen Handelns nutzen können.

Die Planungspraxis ist ihrerseits von essentieller Bedeutung für die Planungswissenschaft, indem sie

  • deren Forschungsbereich definiert und den empirischen Pool für wissenschaftliche Analysen bildet,
  • sich stets verändert und dementsprechend einen Forschungsbedarf generiert, ‚neue Praktiken‘ in ihren jeweiligen Kontexten wissenschaftlich zu untersuchen bzw. neue Theorien der Praxis zu entwickeln,
  • Adressatin und Auftraggeberin planungswissenschaftlicher Forschung ist.

Die Bedeutung von Planungstheorien in beiden Feldern ist dabei ausgesprochen vielschichtig: Zum einen stellen sie durch ihre gegenständliche Befassung mit räumlicher Planung den zentralen, gedanklichen Bezugsrahmen her. Auch wenn keine Theorie praktisches Handeln lückenlos erklären oder anleiten kann, so vermag die Vielzahl an Theorien doch die Disziplin in ihrer Heterogenität annäherungsweise zu repräsentieren. Zum anderen dienen Theorien dazu, die Disziplin der räumlichen Planung zu festigen und ihre Rationalität, Legitimität und Effektivität zu erhöhen. Von zentraler Bedeutung erscheint uns die Weiterentwicklung der Disziplin durch Theorien als Medium zur Selbstreflektion und kritischen Hinterfragung des (eigenen) planerischen Tuns sowie als Inspirationsquelle für neue Instrumente, Methoden und Verfahrensweisen (vgl. auch Alexander 2010). Theorien beschreiben demnach abstrahiertes und generalisiertes Planungswissen, generiert in beiden Handlungsfeldern, den Wissenschaften wie auch der Planungspraxis.

(eine ausführliche Darstellung dieser stark gekürzten grundsätzlichen Diskussion findet sich im Vorwort der Raumforschung und Raumordnung 1/2017.

Ausgehend von diesen zentralen Erkenntnissen wurden im Arbeitskreis diverse thematische Bausteine in Spannungsfeld zwischen Theorien, Wissenschaften und Praktiken erarbeitet. Innerhalb dieser thematischen Bausteine führten die Mitglieder beispielsweise Literaturanalysen, qualitative und quantitative empirische Erhebungen und Analysen (z. B. Interviews und Surveys) sowie Workshops durch. Die Ergebnisse wurden durch Vorträge auf Fachtagungen vorgestellt und als Beiträge in Fachzeitschriften veröffentlicht.

  • Raumforschung und Raumordnung 1/2017 (Special Issue) 
  • Buchbeiträge von: Meike Levin-Keitel, Christian Peer, Ulrike Mackrodt und Martin Sondermann. In: Othengrafen, F.; Sondermann, M. (2015): Städtische Planungskulturen im Spiegel von Konflikten, Protesten und Initiativen. = Planungsrundschau 23, Berlin: Verlag Uwe Altrock.
  • Peer, C.; Sondermann, M. (2016): Planungskultur als neues Paradigma in der Planungswissenschaft. In: disP – The Planning Review 52 (4).
  • Planning Theory and Practice (2016) – Interface: Exchange between researchers and practitioners in urban planning: achievable objective or a bridge too far? Koordinierung: Christian Lamker; Beitrag von Meike Hellmich und Linda Lange VERLINKEN: http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14649357.2016.1190491
  • Workshop und Dokumentation „Theorie im Praxistest - Zwischen sozialen Raumkonstruktionen und Planungsalltag“ (29.10.2015). Leitung: Meike Levin-Keitel, Bettina Lelong, Yvonne Knapstein und Evelyn Gustedt VERLINKEN:
  • RGS-IBG Annual International Conference 2014 - Session “The more participation the better? Interpretive approaches of bad practice in stakeholder engagement”. Chairs: Meike Levin-Keitel und Thomas Thaler
  • Deutscher Kongress für Geographie 2015 - Fachsitzung “Mind the Gap“. Sitzungsleitung: Meike Levin-Keitel und Martin Sondermann, Beiträge u.a. von Christian Diller, Thomas Thaler, Christian Lamker, Linda Lange und Meike Hellmich