Schneller, öfter, weiter? Perspektiven der Raumentwicklung in der Mobilitätsgesellschaft

13.10.2010 - 15.10.2010

Schneller, öfter, weiter? Perspektiven der Raumentwicklung in der Mobilitätsgesellschaft

Tagung des Jungen Forums der ARL in Mannheim

Räumliche Mobilität in ihren vielfältigen Formen und Dimensionen ist ein zentraler Aspekt des modernen Lebens und eine Grundvoraussetzung für arbeitsteilig organisierte Gesellschaften. Täglich wechseln Menschen und Güter ihre Position und verursachen damit Verkehr. Wachsende Mobilität und die Entwicklung neuer Mobilitätsformen führen in langfristiger Perspektive aber auch zu gesellschaftlichen und raumstrukturellen Änderungen.

Die diesjährige Tagung des Jungen Forums vom 13. bis 15. Oktober 2010 widmete sich einerseits den Fragen, auf welche Weise gesellschaftliche Entwicklungen wie Individualisierung, demographischer Wandel oder Globalisierung mit neuen Mobilitätsformen und -bedürfnissen einhergehen. Andererseits wurde auch diskutiert, wie Mobilitätsaspekte die Dynamik gesellschaftlicher Prozesse beeinflussen. Schließlich wurde erörtert, welche Konsequenzen sich aus der zukünftigen Mobilitätsentwicklung für die räumliche Planung und Planungspolitik ergeben.

Schneller, öfter, weiter?

Professor Dr. Hermann Knoflacher von der Universität Wien leitete seinen Keynote-Vortrag provokativ mit „schneller, öfter, weiter, dümmer?“ ein. Er zeigte anhand detaillierter Untersuchungsergebnisse, dass ein Mehr an Mobilität, gemessen an der Zunahme von Wegen, an der durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit und an der zurückgelegten Entfernung, nicht unbedingt ein Mehr an Lebensqualität bedeutet. Denn das immer häufigere und schnellere Reisen blende den Nahraum der Orte, an denen die Menschen leben, tendenziell aus. Und gerade der fußläufig erreichbare Raum biete, so Knoflacher weiter, insbesondere in den großen Städten ein enormes Potenzial, das schon lange nicht mehr ausgenutzt werde, da der Besitz eines Autos unter anderem dazu führe, dass viel weiter entfernte Orte aufgesucht würden. Diese Mobilität verursache mehr Reisezeit, biete aber möglicherweise keinen adäquaten Mehrwert. Knoflacher plädierte daher klar für die Wiederentdeckung „der Nähe“, deren Orte zu Fuß oder mit dem Fahrrad aufgesucht werden können.

Im anschließenden Vortrag von Dr. Jutta Deffner, Institut für sozial-ökologische Forschung Frankfurt am Main, stand die sozialwissenschaftliche Perspektive im Vordergrund. Deffner fragte, wie eine zukunftsfähige Mobilität aussehen könnte und welche Wege es für Planer(innen) und Politiker(innen) gibt, sie zu erreichen. Nach ihrer Auffassung besteht noch ein erhebliches Potenzial an zielgruppenspezifischer Motivationsarbeit, die Bevölkerung von den Angeboten und Qualitäten der Mobilitätsformen des Umweltverbundes zu überzeugen. Wichtig sei hierbei, einzelne Lebensstilgruppen in differenzierter Weise für umweltfreundliche Verkehrsmittel zu gewinnen. Dies gelinge in den Großstädten aufgrund der besseren Verfügbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel selbstverständlich leichter als im ländlichen Raum. Gleichwohl gelte es auch dort, die Vorteile des Umweltverbundes zu erkennen und auch die Planung hierfür zu sensibilisieren.

Vier Arbeitsgruppen

Im Anschluss an die beiden Keynote-Vorträge wurden ausgewählte Themen in den folgenden vier Arbeitsgruppen vertieft behandelt:

Die Arbeitsgruppen wurden von den Mitgliedern des Jungen Forums gestaltet. In jeweils kleinem Kreis konnten beispielsweise die Infrastrukturentwicklung im europäischen Korridor Rotterdam-Genua, Zusammenhänge zwischen Wohnstandortwahl und Mobilitätsverhalten, Fragen internationaler Wohnmobilität, das Mobilitätsverhalten der Wohnbevölkerung in Abhängigkeit von der Zentralität eines Ortes oder die Förderung energieautonomer Mobilität diskutiert werden.

Rahmenprogramm

Ein wichtiger Bestandteil der Treffen des Jungen Forums ist auch das Kennenlernen einer Stadt, das Eintauchen in aktuelle planerischer Herausforderungen und Probleme sowie das Spiegeln der in den Arbeitsgruppen behandelten Themen an der städtischen Wirklichkeit. So war es auch in Mannheim – einer Stadt, die für die Diskussion des Themas „Mobilität“ geradezu prädestiniert ist. In Mannheim wurden Fahrrad und Auto erfunden, noch heute produzieren mehrere Firmen Fahrzeuge. Zudem ist die Stadt ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt in Süddeutschland, was sowohl die Straßen- als auch die Bahn- und Wasserstraßenverbindungen betrifft. In mehreren sogenannten Stadtspaziergängen erläuterten Mitglieder des Jungen Forums aus der Rhein-Neckar-Region ausgewählte Themen: die aktuelle Einzelhandelsentwicklung, die Förderung kreativer Branchen in der Mannheimer City, der Umgang mit unterschiedlichen Ethnien auf engstem Raum und selbstverständlich auch die Strategien zur Verkehrsbewältigung in der Stadt.

Am zweiten Tag stand eine Exkursion auf dem Programm. Mit dem Bus ging es ins benachbarte Ludwigshafen, wo die Gruppe das Werksgelände der BASF besichtigte: eine „Stadt in der Stadt“. Von besonderem Interesse waren dabei die logistischen Herausforderungen. So muss auf dem 10 ha großen Werksgelände nicht nur der Transport der Beschäftigten zur jeweiligen Arbeitsstätte organisiert werden. Auch der An- und Abtransport von Rohstoffen und Fertigprodukten hat beeindruckende Dimensionen. Das Werk in Ludwigshafen betreibt mehrere Hafenbecken und Entladestationen sowie ein eigenes Güterverkehrszentrum mit großen Umschlaganlagen.

Dass bei den Treffen des Jungen Forums auch der gesellige Teil mit Gelegenheit zum „Netzwerken“ nicht zu kurz kommt, wurde bei einer Weinprobe in Ungstein an der Deutschen Weinstraße deutlich. Im Keller des Weingutes Wolf konnten nicht nur mehrere Weine verkostet werden. Es war auch eine gute Gelegenheit, die fachlichen Diskussionen in angenehmer Atmosphäre ausklingen zu lassen. Das diesjährige Treffen in Mannheim hat wieder einmal gezeigt, dass bei den jungen Mitwirkenden im Netzwerk der ARL sehr interessante und aktuelle Fragen behandelt und mit großer Kreativität und Innovativität diskutiert werden. Insbesondere das Zusammenwirken junger Wissenschaftler(innen) und Praktiker(innen) bei den Treffen des Jungen Forums schafft einen Mehrwert, den die Mitglieder immer wieder hervorheben. Gleichwohl sehen sie eine Reihe von Möglichkeiten der strukturellen Weiterentwicklung des Jungen Forums. Sie haben eine Arbeitsgruppe eingerichtet, deren Mitglieder Überlegungen zur zukünftigen Ausgestaltung des Jungen Forums anstellen und die Ergebnisse dem Präsidium der ARL vorlegen möchten. Vertreter(innen) der Arbeitsgruppe werden diese Überlegungen auch beim nächsten Treffen, das vom 22. bis 24. Juni 2011 in Dortmund stattfinden wird, vorstellen.

Plenum des Jungen Forums 2011

Aus: Nachrichten der ARL 4/2010

Andreas Klee