20.06.2014 Annika Mayer

Call for Membership: Zeitgerechte Stadt

Für einen neuen Arbeitskreis der ARL zum Thema

Zeitgerechte Stadt

Konzepte und Perspektiven für die Planungspraxis

werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht. Die Mitglieder des zukünftigen Arbeitskreises werden sich dem Thema und seinen Teilaspekten aus wissenschaftlicher Perspektive und aus der Perspektive der Planungspraxis widmen. Die Leitung des Arbeitskreises wird Prof. Dr. Dietrich Henckel (TU Berlin) übertragen.

Zeitgerechte Stadt. © photonetworkde - Fotolia.comProblemstellung

Der wirtschaftliche Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft und der technische Fortschritt tragen wesentlich zur Herausbildung neuer gesellschaftlicher Zeitstrukturen bei. Ehemals kollektive Zeiten sind zunehmend flexibilisiert bzw. dereguliert, Aktivitäten überlagern sich, Beschleunigung und zeitliche Entgrenzung prägen das Leben in Stadtregionen. Die temporalen Muster des gesellschaftlichen Zusammenlebens haben sich auch durch die Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile verändert. Es entstehen dadurch neue Synchronisationserfordernisse jeweils innerhalb der Bereiche Gesellschaft, Wirtschaft und öffentliche Hände sowie zwischen ihnen.

Diese Entwicklungen führen zu komplexen, zum Teil konfligierenden Ansprüchen an die räumliche und zeitliche Bereitstellung von Infrastrukturen, Dienstleistungen und Gütern und ihre Zugänglichkeit. Städte und Stadtregionen differenzieren sich zunehmend in zeitlicher Hinsicht aus. Aufgrund demografischer Veränderungen und eingeschränkter Mobilitäts- und Dienstleistungsangebote entstehen oder verschärfen sich Ungleichheiten der Zugangs-chancen. Insbesondere an den Rändern der Städte drohen Raum-Zeit Fallen für die Bewohner zu entstehen, wenn etwa ab den späteren Abendstunden die ÖPNV-Anbindung ausgesetzt wird und so die Zugänglichkeit zu zentralörtlichen Funktionen von der Verfügbarkeit eines PKW abhängig ist. Die Vorstellung einer zeitgerechten Stadt, die zeitliche Voraussetzungen für ein gutes Leben, gesunde Lebensverhältnisse und die Möglichkeit zur Teilhabe für alle Bevölkerungsschichten bietet, ist jedoch unmittelbar mit Fragen gesellschaftlicher und planerischer Normen und ihrer Umsetzungsmöglichkeiten in der praktischen Planung verbunden.

Auch wenn die Auseinandersetzung mit den Wechselwirkungen zwischen zeitlichen und räumlichen Veränderungen in der Stadtforschung immer präsenter wird, kann festgestellt werden, dass bis dato eine systematische Integration von räumlichen und zeitlichen Fragen in der Planung von Städten und Stadtregionen immer noch relativ am Anfang steht.

Ziele und Fragestellungen

Ausgehend von den aktuellen Diskussionen in der Wissenschaft und der gegenwärtigen Planungspraxis verfolgt der Arbeitskreis den Anspruch, die Debatte um die „Zeitgerechte Stadt“ theoretisch, empirisch und praktisch weiter zu entwickeln. Zielsetzung ist es, Anstöße für die Diskussion zu liefern und nach Möglichkeit Handlungsempfehlungen für die städtische und regionale Planung zu formulieren. Dem Thema wird sich der Arbeitskreis aus raumwissenschaftlicher und raumplanerischer Perspektive nähern. Dabei stehen der Mensch und seine (u.a. chronobiologischen) Bedürfnisse in seinem gesellschaftlichen und räumlichen Kontext im Zentrum der Betrachtung.

Der Arbeitskreis wird sich u.a. mit folgenden Leitfragen beschäftigen und dabei die bestehenden nationalen und internationalen Erfahrungen zum Thema „Zeitgerechte Stadt“ einbeziehen:

  • Strukturanalyse: Wie verändern sich Erreichbarkeiten und Zugänglichkeiten in den Quartieren, Städten und Stadtregionen und zu deren Angeboten? Welche Folgen hat dies für die Inanspruchnahme des Raumes und seine Strukturen? Wie verändern sich die zeitlichen Strukturen in den Städten vor dem Hintergrund des derzeit stattfindenden sozialen und ökonomischen Wandels?
  • Normative Überlegungen: Wie kann „Zeitgerechtigkeit“ definiert und eingegrenzt werden? Wie müssen Quartiere, Städte und Stadtregionen organisiert sein, um zeitgerecht im Sinne einer zeitlichen, sozialen und räumlichen Verteilungsgerechtigkeit zu sein? Welche Anforderungen ergeben sich aus einer Betrachtung der (gesellschaftlichen) Kosten von Zeiteffizienz und Zeitgerechtigkeit?
  • Planerische Möglichkeiten: Wie lassen sich räumliche und zeitliche Planung integrieren? Welche Auswirkungen hat das auf die verschiedenen räumlichen Planungen auf unterschiedlichen Planungsebenen? Welche Einflussmöglichkeiten hat Planung, um die Zugänglichkeit z.B. zu Infrastrukturen zeitlich und räumlich zu verbessern und die Wahrnehmung von Angeboten zu verändern?
  • Akteursanalyse: Wer sind die Akteure der Zeitgerechtigkeit? Welche Interessen verfolgen sie? Welche Handlungsmöglichkeiten bestehen für den Einzelnen zum Erreichen einer höheren Zeitautonomie? Welche Machtstrukturen wirken auf das Individuum und wie werden sie auf städtischer Ebene über Temporalstrukturen vermittelt? Wer ist Entscheider, wer ist „lediglich“ operativer Umsetzer, wer ist Nutzer?

Vorgehensweise

Die Mitglieder des Arbeitskreises kommen zwei- bis dreimal jährlich zusammen, um die Erkenntnisse und Fortschritte der gemeinsamen Arbeit zu diskutieren. Das Arbeitsprogramm und die angestrebten (Forschungs-)Ergebnisse werden zu Beginn gemeinsam abgestimmt. Die Mitglieder tragen aktiv durch eigene Beiträge zum Thema bei. Die gemeinsame Arbeit umfasst sachliche und räumliche Schwerpunktsetzungen. Es können Fallstudien und auch internationale Vergleiche herangezogen werden. Bei Bedarf besteht die Möglichkeit, weitere Expertinnen und Experten zu Vorträgen einzuladen und/oder Workshops zu organisieren. Schriftliche Beiträge werden vor einer Veröffentlichung doppelblind begutachtet. Die Reisekosten zu den Arbeitskreissitzungen werden nach dem Bundesreisekostengesetz erstattet.

Bewerbung

Da die hier angesprochenen Arbeitsschwerpunkte ein inter- und transdisziplinäres Zusammenwirken erfordern, kommen als Mitglieder des Arbeitskreises vor allem Angehörige von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie Angehörige aus kommunalen und regionalen Verwaltungen – jeweils aus den Bereichen räumliche Planung, Verkehrsplanung, Stadtplanung/Stadtentwicklung, Geografie und Soziologie, Wirtschaftsförderung oder sonstigen thematisch einschlägigen Gebieten infrage. Wenn Sie Interesse an einer Mitarbeit im Arbeitskreis haben, würden wir uns sehr freuen, wenn Sie bis zum

30. Juni 2014

eine Bewerbung einsenden. Diese soll das Interesse an der Mitwirkung im Arbeitskreis begründen und den Bezug zu den eigenen Kompetenzen und beruflichen Erfahrungen darstellen (zwei DIN A 4-Seiten, max. 5000 Zeichen ohne Leerzeichen,). Zudem bitten wir um einen kurzen beruflichen Lebenslauf (eine DIN A 4-Seite, max. 2500 Zeichen ohne Leerzeichen) und die Nennung Ihrer max. fünf wichtigsten Arbeiten zum Thema (Publikationen, Projekte).
Alle Bewerberinnen und Bewerber erhalten spätestens bis zum 31.08.2013 eine Zu- oder Absage über ihre Aufnahme in den Arbeitskreis.

Bitte senden Sie Ihre Bewerbung an Anne Ritzinger, die zuständige Referentin in der Geschäftsstelle der ARL. Für inhaltliche Rückfragen steht auch der künftige Leiter des Arbeitskreises, Prof. Dr. Dietrich Henckel, zur Verfügung.

Dipl.-Geogr.  Anne Ritzinger    
Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL)       
Referat Bevölkerung, Sozialstruktur, Siedlungsstruktur
Hohenzollernstraße 11       
30161 Hannover         
Tel. 0511 34842-23       
ritzinger@arl-net.de    

Prof. Dr. Dietrich Henckel
Technische Universität Berlin
Institut für Stadt- und Regionalplanung
Fachgebiet Stadt- und Regionalökonomie
Hardenbergstraße 40a
10623 Berlin
Tel. 030 31428090
d.henckel@isr.tu-berlin.de