Postwachstumsökonomien

Stellvertretende Leitung: 
Geschäftsführung: 
Geschäftsstelle der ARL: 

Laufzeit

2017 – 2020

Unser Verständnis von Postwachstumsökonomien

Innerhalb der breiteren gesellschaftspolitischen Debatte über Postwachstum verstehen wir Postwachstumsökonomien als heuristischen Suchbegriff für Konzepte, Initiativen und Wirtschaftsformen, die sich explizit vom vorherrschenden, an materiell-quantitativen Indikatoren orientierten Wachstumsparadigma abwenden. Insbesondere werden dabei Praktiken und Handlungen in Frage gestellt, die den wirtschaftspolitischen Fokus auf das BIP (Bruttoinlandsprodukt) und somit als Messgröße gesellschaftlichen Wohlstandes legen.

Postwachstumsökonomie ist nicht gleichzusetzen mit Rezession oder sinkender Wirtschaftsleistung. Vielmehr vereint dieser Diskurs ablehnende Positionen vom Glauben an Wachstum, also illusorischen Vorstellungen, dass die gegenwärtigen Produktionssysteme und Konsummuster langfristig und global wachsen könnten. Bis dato waren beispielsweise „Green Economy“-Strategien, die vor allem auf Effizienzgewinne durch technologische Innovationen setzen, nicht in der Lage, einen absoluten Rückgang globaler Ressourcenverbräuche zu erreichen („Entkopplungsmythos“). 

Postwachstumsansätze schließen aus dieser Kritik jedoch weder, dass es vorrangig um Verzicht geht, noch, dass grundsätzlich kein materielles Wachstum mehr möglich sein soll. Vielmehr sollen wirtschaftliche Prozesse im direkten Bezug zu den Bedürfnissen von Mensch und Natur gedacht werden (z.B. alternative Arbeitszeitmodelle, suffizienzorientierter Konsum, Zeitwohlstand, Achtsamkeit, Konvivialität, intakte Ökosysteme). Postwachstumsökonomische Ansätze machen ferner räumliche Differenzierungen notwendig (z.B. pro poor growth in wirtschaftlich benachteiligten Regionen). Es geht also sowohl darum, die Nachhaltigkeit wachstumsorientierter Entwicklungen zu hinterfragen als auch existierende Gegenentwürfe und alternative Modelle zu betrachten. Dabei kommt auch ein erweitertes Verständnis von „Wirtschaft“ zum Tragen, das neben formal verfassten, nach Marktprinzipien agierenden Unternehmen auch Formen der sozialen und solidarischen Ökonomie sowie andere private (z.B. häusliche Pflege) und kommunitäre (z.B. Nachbarschaftshilfe, Tauschringe) Aktivitäten umfasst. Besonderes Augenmerk gilt daher gemeinwohlorientierten Ansätzen und ihrem Beitrag zu gesellschaftlichem Wohlstand.

Unsere Motivation

Ausgangspunkt des Arbeitskreises sind insbesondere folgende Beobachtungen im Kontext aktueller Postwachstumsdebatten:

Wachstumsgrenzen – Die Evidenz planetarer Grenzen fordert auch die Raum- und Planungswissenschaften heraus. Sie sind aufgefordert, sich differenziert mit alternativen Wirtschaftsprozessen zu befassen und sich zu positionieren.

Diskurse – Die Dominanz wachstumsorientierter Leitbilder in Wissenschaftsdisziplinen wie z.B. in den Wirtschafts-, Sozial-, Raum- und Ingenieurwissenschaften sind tendenziell nach wie vor in diesen paradigmatischen Grundlinien verhaftet. Der Diskurs zu Postwachstumsökonomien wird derzeit dominiert von Beiträgen aus der Kunst, von NGOs und Stiftungen sowie von einzelnen Wissenschaftszweigen, insbesondere aus der Ökologischen Ökonomik und der Soziologie. Allerdings erscheint auch eine dezidiertere Auseinandersetzung mit Postwachstumsökonomien in den Raum- und Planungswissenschaften und der Planungspraxis als zwingend erforderlich.

Alternativen – Eine wachsende Zahl von alternativen Bottom-up-Entwicklungen demonstriert, abseits der formalisierten Systeme von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, neue Wege, Modelle und Prozesse postwachstumsorientierter Lebensweisen. Diese gilt es genauer zu verstehen und einzuordnen.

Selbstverständnis – Raumorientierte Professionen suchen zunehmend einen institutionellen Kontext und eine Plattform, gesellschaftspolitisches Bewusstsein in Einklang mit fachlichen Fragestellungen zu bringen.

Konzepte – Große Einheiten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ersuchen seit einigen Jahren, durch Leitbegriffe wie Grünes Wachstum, nachhaltiges Wirtschaften und sog. smarte Produktionsprozesse verschiedene Anpassungsprozesse an soziale und ökologische Herausforderungen endlicher Ressourcen zu erlangen. Konzepte wie Green Economy, Green Growth, Smart Growth sowie De-Growth bedürfen einer differenzierten Auseinandersetzung, um sowohl ihre Stärken als auch Unzulänglichkeiten kritisch untersuchen zu können.

Raumverständnis – Eine Vielzahl alternativer und kapitalismuskritischer Ansätze reproduzieren orthodoxe – auf Endogenität, Lokalität und regionale Container-Modelle bezogene – Raumverständnisse. Dies, so die These, fordert Raumwissenschaften und raumbezogene Professionen heraus, eine dezidiertere Auseinandersetzung der Raumbezogenheit von Postwachstumsphänomenen zu initiieren.

Lehre – Der experimentelle und Laborcharakter vieler Postwachstumsphänomene geht noch mit einer großen Distanz zu curricular eingebetteten Themen- und Ausbildungsangeboten einher, obwohl viele WissenschaftlerInnen für sich selbst alternative Wege der ressourcenschonenderen Lebensführung entwickelt haben. Eine intensivere „edukative“ Perspektive auf das Phänomen Postwachstum scheint daher geboten (z.B. Lehre in Schulen, Hochschulen und beruflicher Weiterbildung).

Modelle – Diskurse zu alternativen sowie gelebten Modellen weisen mitunter eine Erneuerung schon länger existierender Organisationsformen (z.B. kollektiv-orientierte Genossenschaften, Kooperativen) auf. Eine intensivere Auseinandersetzung und Kontextualisierung von Organisationsmodellen, jenseits mikrobezogener Einzelfallbetrachtungen, erscheint daher vonnöten.

Forschungsförderung – Fördervergabekriterien beginnen sich teilweise von linearen Wachstumsmodellen zu lösen und betonen ergänzende Umgangsweisen mit endlichen Ressourcen, nachhaltiger Energieproduktion, Green Economy usw. Der Blick auf Zuwendungsempfänger in Kommunen, Regionen und Ministerien eröffnet ein eindeutiges Kompetenzgefälle und eine relative Unklarheit zu Fragen des Postwachstums sowie ihrer Adaption auf Teile der Förderkriterien von EU, Bund und Ländern. Dies stellt (oder sollte) die ARL vor die Herausforderung (stellen), differenzierte Perspektiven vorzulegen.

Praktiken – Offene Technologien (Open Source) eröffnen technikbasierte Wege der kollaborativen Wiederaneignung sinnhafter, selbstbestimmter und zeitgemäßer Produktionsweisen, bei denen Aspekte von Produktverlängerung sowie Re-use, Recycling und Reparieren praktische Eckpunkte ressourcenschonenden Common-ings darstellen. Die Unklarheit ihrer Skalierbarkeit und Übertragbarkeit auf breitere Teile der Gesellschaft erfordert eine differenziertere Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen.

Globale Dimension – Ausdrucksformen von nahezu identischen Postwachstumsphänomenen haben in unterschiedlichen Kontexten (globaler Süden vs. globaler Norden) unterschiedliche Referenzrahmen (Urban Gardening in gentrifizierten Innenstädten Deutschlands vs. relevante Ernährungsproduktion in bspw. Kuba). Zugleich kommen wichtige Postwachstumsimpulse aus den Ländern des Südens (z. B. Buen Vivir-Bewegung, Mikrofinanz, solidarische Landwirtschaft) und werden vermehrt in Ländern des Nordens adaptiert.

Vor diesem Hintergrund möchte der Arbeitskreis Postwachstumsökonomien der ARL einen raum- und planungswissenschaftlichen Beitrag leisten zu:
   
     a) Begrifflichen und konzeptionellen Debatten
     b) Planungspolitik und -praxis
     c) Lehre und Weiterbildung
     d) Gesellschaftlicher Wahrnehmung

Geplant sind Publikationen in einschlägigen Fachzeitschriften und Positionspapiere, Veranstaltungen zum wechselseitigen Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis, die Entwicklung innovativer Lehrformate sowie mediale/künstlerische Interventionen.