Kleinstadtforschung

Geschäftsstelle der ARL: 

Problemaufriss: Kleinstädte in der raumwissenschaftlichen Aufmerksamkeitslücke

Traditionell ist Stadtforschung in Deutschland überwiegend großstadtorientiert. Dies war und ist in anderen Ländern, etwa den USA, Kanada, Frankreich und Österreich, anders. In den USA rekurriert Stadtforschung bis heute zwar auf Arbeiten der sogenannten Chicago School, doch fanden einige der grundlegenden stadtsoziologischen Arbeiten in den 1920er und 1930er Jahren gerade in klein- und mittelstädtischen Zusammenhängen statt. Aber auch die Teildisziplinen, die sich in Deutschland aus soziologischer, geographischer oder planungswissenschaftlicher Perspektive für ländliche Räume interessieren, schenken Kleinstädten nur wenig und kaum systematische Beachtung. Auch die in regelmäßigen Abständen veröffentlichten Themenhefte renommierter Zeitschriften zur Sammelkategorie der Klein- und Mittelstädte vermögen nur bedingt Abhilfe in Bezug auf die tradierten Wissensdefizite zu nicht-metropolitanen Siedlungstypen zu schaffen, da wahlweise generalisierte Aussagen über sehr unterschiedliche städtische Lebens- und Vergesellschaftungsformen auf lokaler und regionaler Ebene getroffen werden oder aber sich aus den präsentierten Einzelfallstudien nur bedingt verallgemeinerbare Erkenntnisse herleiten lassen. Auch ist zu vermuten, dass sich die Herausforderungen vieler kleiner Städte oft nicht mit Lösungen meistern lassen, die sich in größeren Städten bewährt haben. Kleinstädte fallen somit in eine systematische Aufmerksamkeitslücke der sozial- und planungswissenschaftlichen Stadt- und Raumforschung. Dies hat unter anderem zur Folge, dass sich zahlreiche stereotype Vorstellungen über „die“ Kleinstadt bzw. „die“ Kleinstädter ohne belastbare empirische Basis hartnäckig halten. In diesem Zusammenhang finden sich gleichzeitig Vorstellungen der Kleinstadt als Problem- und als Sehnsuchtsraum. Zwar ist in Fachöffentlichkeit und Politik in den letzten Jahren das Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, aber auch die Herausforderungen kleinerer Städte insbesondere in ländlichen Räumen gewachsen. Weiterhin aber dominiert eine Defizitperspektive, und die Funktionen, Leistungen und Potenziale von Kleinstädten bleiben unterbelichtet. Umso mehr sind evidenzbasierte Forschungen ebenso wie eine zeitgemäße Planung sowie Planungs- und Umsetzungskultur erforderlich.

Die Bedeutung der Kleinstädte in Deutschland zeigen wenige Zahlen: Ausgehend von der Definition des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), das Kleinstadt als Gemeinde eines Gemeindeverbandes oder Einheitsgemeinde mit 5.000 bis unter 20.000 Einwohnern oder mindestens grundzentraler Bedeutung mit Teil-funktionen eines Mittelzentrums definiert, beträgt ihr Anteil an den Stadt- und Gemeindetypen 46,5 %, und 29,5 % der Bevölkerung leben dort (Stand 2015). Gleichzeitig ist die Kleinstadtlandschaft vielfältig und vielschichtig – Typologisierungsversuche scheitern regelmäßig an der Vielzahl der relevanten Dimensionen.

Ziele und geplante Ergebnisse des Ad-hoc-Arbeitskreises

Das benannte allgemeine Wissensdefizit über einen für die Siedlungsstruktur in Deutschland relevanten Stadttypus bildet den zentralen Impuls für den neuen Ad-hoc-Arbeitskreis der ARL. Er möchte den Anstoß für einen breiteren wissenschaftlichen Diskurs zu Kleinstädten geben und im Bemühen um eine systematische Kleinstadtforschung eine Bestandsaufnahme bisheriger Forschungen vornehmen. Zugleich sollen Politik und Planungspraxis stärker für das Themenfeld der kleineren Städte sensibilisiert werden.

Konkret verfolgt der Ad-hoc-Arbeitskreis „Kleinstadtforschung“ drei Ziele – er möchte:

  1. Forschungslücken in der Kleinstadtforschung Deutschlands identifizieren,
  2. Querverbindungen zu benachbarten Disziplinen und Themenfeldern aufzeigen sowie
  3. die interdisziplinäre Vernetzung verbessern, um mittelfristig konkrete Projekte zur Kleinstadtforschung anzustoßen.

Im Ergebnis soll Ende 2018 ein Positionspapier „Kleinstadtforschung in Deutschland“ veröffentlicht werden.