Ad-hoc-AG "Zukunft der (Stadt-)Zentren ohne Handel?"

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Thema/Problemaufriss

Urbane Zentren werden wirtschaftlich und kulturell als Orte gesellschaftlicher Identität angesehen. Dabei haben sich die Zentren stets ökonomischen und gesellschaftlichen Trends angepasst. Insbesondere der demografische und sozioökonomische Wandel verändert jedoch viele Gewissheiten bezüglich der Funktionsfähigkeit und Gestalt von Innenstadt- und Stadtteilzentren.

Der bereits seit Längerem wirkende Strukturwandel im Einzelhandel sowie die Auswirkungen des Online-Handels mit rückläufigen Umsätzen im stationären Handel und sichtbaren Folgen, wie einem zunehmenden Leerstand von Ladenflächen in den Innenstädten, sind dabei lediglich eine sichtbare Spitze des Eisbergs: Individualisierung und Wertewandel sowie die damit einhergehende Ausdifferenzierung von Lebensstilen führen zu vielfältigeren (z. T. hybriden) Ansprüchen an den Stadtraum.

Nimmt die Leitfunktion des Handels ab, verändert sich die Funktionsmischung der Innenstadt. Es besteht ein tiefes Bedürfnis nach Erlebnis auf der einen Seite sowie Authentizität und Vertrautheit auf der anderen Seite. Damit einher geht eine zunehmende Anziehungskraft des urbanen, „haptisch erlebbaren“ Ortes – u. a. auch ein Treiber für beobachtbare Reurbanisierungsprozesse. Erlebnis, Freizeit, Gastronomie und Kultur sind Funktionen neuer „urbaner Marktplätze“. In einer zunehmend digitalen und virtuellen Welt entsteht ein tiefes Bedürfnis nach lokaler Verankerung.

Darüber hinaus rücken in Zeiten zunehmender sozialer Polarisierung und ökologischer Risiken alternative ökonomische Modelle (wie postwachstumsorientierte Ansätze) in den Fokus von Forschung und Praxis, durch die gänzlich neue Funktionen und Formen von urbanen Zentren diskutiert werden können: z. B. Reparatur-Cafés, Ausstellungsräume für lokale Künstler, Urban Gardening, Coworking/-housing, Urban Manufacturing, gemeinbedarfsorientierte Einrichtungen.

Vor dem Hintergrund des dargestellten Problemaufrisses ist es unwahrscheinlich, dass der klassische Einzelhandel zukünftig weiterhin die prägende Leitfunktion für die Innenstädte und Ortszentren von Klein- und Mittelstädten in Niedersachsen und Schleswig-Holstein sein wird. Ähnliches ist für die Stadtteilzentren größerer Städte, wie z. B. Bremen und Hamburg, zu konstatieren. Die Folge kann ein Funktionsverlust mit (sozialen, wirtschaftlichen, räumlichen…) Auswirkungen auf diverse Teilbereiche des Zusammenlebens in Städten und Gemeinden sowie auf das Stadtbild sein.

Ziele und geplante Ergebnisse der Ad-hoc-Arbeitsgruppe

Wenn die Leitfunktion des Handels – insbesondere in den Zentren von Klein- und Mittelstädten sowie in den Stadtteilzentren – abnimmt, so steht die räumliche Planung in Bezug auf die (Weiter-)Entwicklung urbaner Zentren vor der Aufgabe einer baulich-räumlichen Transformation, Profilierung und (Neu-)Positionierung der (Stadt-)Zentren. Dabei sind neben den demografischen und sozioökonomischen Trends auch die stadt- und immobilienökonomischen Rahmenbedingungen der innenstadtbezogenen Wandlungsprozesse systematisch zu erfassen und in ihren Zusammenhängen zu bewerten. Zudem ist die Transformation aktiv, positiv und vorausschauend zu begleiten.

Ziel der Ad-hoc-Arbeitsgruppe ist – ausgehend von der einzelhandelsbezogenen Innenstadtentwicklung in Nordwestdeutschland – die Ableitung von Strategien und Instrumenten zur Gestaltung und Steuerung von Transformationsprozessen in den Zentren sowie die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für Wissenschaft und Praxis.

Konkret verfolgt die Ad-hoc-Arbeitsgruppe folgende Forschungsfragen:

  1. Welche Entwicklungspfade sind hinsichtlich des Innenstadthandels in den Städten verschiedener Größenklassen und Lagetypen in Nordwestdeutschland relevant für die Entwicklung der Zentren?
  2. Welche (sozialen, ökonomischen, räumlichen, technologischen etc.) Trends haben in welcher Form Einfluss auf die zukünftige Entwicklung von Innenstadt- und Stadtteilzentren?
  3. Welche Szenarien zur Belebung von Zentren incl. neuer Nutzungsformen sind denkbar – mit Blick auf den vorhandenen städtebaulichen Bestand unter Einbeziehung der Akteure (insbesondere der Eigentümer)?
  4. Welche Zielsetzungen, Strategie- und konkrete Planungs- und Entwicklungsansätze lassen sich in nordwestdeutschen Städten und Gemeinden differenzieren (kriterienbasierte Fallstudienauswahl, vertiefende Fallstudienbetrachtung)?
  5. Welche Akteurskonstellationen sind geeignet, um die identifizierten Transformationsprozesse bestmöglich steuern und gestalten zu können?
  6. Welche Instrumente der räumlichen Planung (insb. kommunal und regional) sowie des Citymarketings und -managements erscheinen als besonders geeignet, die Transformationsprozesse zu unterstützen? Welche fördernden/hemmenden Faktoren gibt es im praktischen Vollzug dieser Instrumente und inwieweit ist eine rechtliche Weiterentwicklung des Instrumentariums erforderlich?

Als Ergebnis werden ein ARL-Positionspapier und ein Aufsatz in einer Fachzeitschrift erarbeitet und im Rahmen eines offenen Workshops der LAG Bremen/Hamburg/Niedersachsen/Schleswig-Holstein präsentiert.