Leitbilder der Stadtentwicklung

 

Leitbilder für Stadtentwicklung sind Projektionen in die Zukunft; mit Leitbildern werden Zielvorstellungen und Handlungsprinzipien formuliert, ohne Endzustände vorzugeben. Leitbilder übernehmen als informelles Instrument Orientierungs-, Koordinierungs- und Motivierungsfunktionen. Dabei ist der Begriffsteil „Bild“ als Appell für Anschaulichkeit zu verstehen, was aber nicht konkrete Bildhaftigkeit nach sich ziehen muss. Leitbilder können unterschiedlich Gestalt annehmen: als Programme und Manifeste, Grundsätze und Leitpläne, als Qualitätsstandards und Verfahrenskonzepte.
Ausdrücklich von „Leitbildern“ ist in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede, wobei es sich um städtebauliche Leitbilder für den (Wieder-)Aufbau der kriegszerstörten Städte handelte. Seit Mitte der 1990er Jahre erfährt die Leitbildfrage eine Wiederbelebung, nachdem sie in den 1970er und -80er Jahre nur wenig Beachtung fand. Diese neue Konjunktur ist Folge des ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturwandels und der damit verbundenen ungewissen Zukunftsaussichten. Die vor allem städtebaulichen Leitbilder der ersten bundesrepublikanischen Jahrzehnte waren noch autoritär-normativ angelegt. Dagegen basieren Leitbilder heute auf dem planungspolitischen Diskurs der gesellschaftlichen Akteure.
Heute werden auf allen Ebenen räumlicher Planung – für den Stadtteil, die Gesamtstadt und die Region (Leitbilder der Raumentwicklung) – Leitbilder generiert oder neu aufgelegt. Städte nutzen Leitbilder als Instrument zur Klärung grundlegender Entwicklungsperspektiven und zur Positionierung im europäischen Städtenetz. Darüber hinaus bildet die Herausarbeitung von möglichst prägnanten Leitbildern das Fundament vieler Stadtmarketingkonzepte, auf die sich in den neunziger Jahren verstärkt die Hoffnung der Städte im interkommunalen Konkurrenzkampf gründet. Eine Schlüsselfrage richtet sich darauf, inwieweit das Modell der europäischen Stadt gegenwärtig noch richtungsweisend für Stadtentwicklung und Stadtpolitik sein kann.
Da Leitbilder Sichtweisen, Werte und den Wissensstand ihrer Entstehungszeit spiegeln, können sie Geltung nur auf Zeit beanspruchen. Sie müssen fortgeschrieben und entsprechend veränderten Bedingungen und Wertmaßstäben neu justiert werden. Im Mittelpunkt steht die Kommunikationsfunktion. Der Verlust von Gewissheit über die Zukunft führt zu größerer Offenheit beim Nachdenken über Wünschenswertes, zu mehr Irrtums- und Risiko- aber auch zu weitgehender Korrekturbereitschaft.