Themendossier:

Räumliche Gerechtigkeit

Just Spaces? Gemeinwohl und Gerechtigkeit in räumlicher Planung und Entwicklung

Der ARL-Kongress 2020 konnte auf Grund der Covid-19-Pandemie nicht stattfinden – aber das Thema räumliche Gerechtigkeit ist aktueller denn je. Wir wünschen anregende Lektüre unseres Themendossiers, welches die Beiträge des Kongresses digital präsentiert und somit dauerhaft verfügbar macht.


Wie können wir Räume gerecht planen, gestalten und nutzen?

Als Handlungsmaxime räumlicher Planungen gilt es, eine dem Wohl der Allgemeinheit dienende sozialgerechte Raumnutzung zu gewährleisten sowie öffentliche und private Belange gegeneinander und untereinander abzuwägen. Wie kann dieser Anspruch eingelöst und in der Praxis realisiert werden? Im Kern geht es immer um Fragen der Gerechtigkeit – seien es zivilgesellschaftliche Bewegungen zum „Recht auf Stadt“, das politisch-planerische Ringen um „gleichwertige Lebensverhältnisse“ oder der praktische Umgang mit räumlichen und planerischen Konflikten. Das Spektrum von Gerechtigkeit reicht von individuellen Tugenden bis zu Idealzuständen gesellschaftlicher Ordnungen, in denen materielle und immaterielle Güter fair verteilt sind, jede/r die gleichen Chancen hat bzw. unterschiedliche Bedürfnisse und Fähigkeiten berücksichtigt werden und niemand benachteiligt ist.

Richtet sich eine gerechte Raumnutzung an gesellschaftlichen Mehrheiten oder an den am wenigsten Privilegierten aus? Eine gerechte Verteilung von räumlichen Ressourcen und Funktionen und Zugang zu ebendiesen wird als menschliches Grundrecht erachtet. Eine im Prozess und im Ergebnis sozial gerechte Raumentwicklung, die tatsächlich allen Akteuren und Bedürfnissen gerecht wird, kann nicht erreicht werden – weshalb der Fokus auf dem Ringen um eine bestmögliche Annäherung liegt. Diese Annäherungen und Aushandlungen werden in unterschiedlichen (räumlichen und planerischen) Handlungskontexten mit jeweils vorherrschenden Orientierungen und vor dem Hintergrund von Zeitgeist und Traditionen vollzogen und drehen sich im Wesentlichen um die Fragen: Welcher Raum darf/soll wie und durch wen genutzt werden? Wer verhandelt und entscheidet über die Gestaltung und Nutzung von Räumen, wer profitiert davon – und wer nicht? Es geht also auch um Verfahrens- und Verteilungsgerechtigkeit.


Die Keynotes

Die Keynotes haben einführenden Charakter und beschäftigen sich aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven mit grundlegenden Fragen räumlicher (Un-)Gerechtigkeit. Den Anfang macht die politikphilosophische Auseinandersetzung über räumliche Aspekte von Gerechtigkeit im globalen Maßstab von Franziska Martinsen. Es folgt eine planungsphilosophische und juristisch gerahmte Deutung und kritische Reflexion des Gerechtigkeitsmaßstabes „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ von Benjamin Davy und der raumwissenschaftliche Beitrag von Manfred Miosga, der auch die planerische Praxis gerechter Rumentwicklung in den Blick nimmt.

 

Wie sich (Un-)Gerechtigkeit im Raum zeigt – der ARL-Fotowettbewerb

Was bedeuten Gemeinwohl und Gerechtigkeit im Raum, in der Planung, im Alltag? Dieser Frage sind die Teilnehmenden an unserem Fotowettbewerb nachgegangen. Die zahlreichen Einreichungen lassen ganz persönliche Interpretationen und Blicke auf räumliche (Un-)Gerechtigkeit bildhaft werden.

>> Zu den Einreichungen und prämierten Fotos des Fotowettbewerbs


© ARL

 

Gerechtigkeitstheorien – Grundsatzfragen in Wissenschaft und Praxis

Wie wird (räumliche) Gerechtigkeit definiert und operationalisiert? Inwiefern wird mit (philosophischen) Gerechtigkeitstheorien gearbeitet bzw. welche sollten in der räumlichen Planung angewandt werden? In welchem Verhältnis stehen Planungstheorien sowie -praktiken und Gerechtigkeit, beispielsweise mit Blick auf räumliche Disparitäten oder die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse?

  • Daseinsvorsorge zwischen Sozialstaatstheorie und -praxis [Abstract] [Powerpoint] [Video]
    Jan Matthias Stielike, Theo Kötter (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn), Thomas Lindemann (TU Dortmund)
  • Räumliche Gerechtigkeit im Spannungsfeld zwischen politischer und analytischer Konzeption
    Anne Volkmann (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner)
  • JUST SPACES: at what time and for whom? [Abstract] [FB 9 "Zeitgerechte Stadt"]
    Caroline Kramer (Karlsruher Institut für Technologie), Dietrich Henckel (TU Berlin)
  • The Ties that Bind: Für ein praxeologisches Verständnis politischer Verpflichtungen
    Florian Dünckmann (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
  • Regionale räumliche Gerechtigkeit – Eine essaayistische Skizze [Essay]
    Thomas Weith (Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, Müncheberg)
  • Würde und Gerechtigkeit, oder?
    Katrin Großmann (FH Erfurt)
  • Baut die gerechte Stadt! Von der Theorie zur Praxis in nur drei Schritten
    Mathias Jehling (Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, Dresden), Thomas Hartmann (Universität Wageningen)

 

Soziale Gerechtigkeit und räumliche Verteilungsgerechtigkeit

Inwiefern sind räumliche Funktionen, Chancen und Belastungen sozial gerecht verteilt? Wie kann Verteilungsgerechtigkeit in der Raumentwicklung (bspw. mit Blick auf Einrichtungen der Daseinsvorsorge) erreicht werden? Inwiefern sind bei der Nutzung von Infrastrukturen, Ressourcen oder Landschaften Gemeinschaftsgutprobleme relevant und wie sind diese mit Gerechtigkeitsfragen verbunden? Wer kann Räume auf welche Weise nutzen und wer wird ausgeschlossen? 

  •  Just spaces? Eine europäisch vergleichende Perspektive auf lokale Praktiken und ihren Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit und räumlicher Kohäsion [Abstract]
    Sabine Weck (Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Dortmund), Peter Schmitt (Universität Stockholm)
  • (Un)just structures and practices of collaboration in rural social entrepreneurship – international comparison [Abstract] [Präsentation]
    Sunna Kovanen (Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig)
  • Geschlechter*gerecht planen!?! Gender Planning zwischen Rekonstruktion und Dekonstruktion gesellschaftlicher Ordnungen [Abstract]
    Tanja Mölders (Leibniz Universität Hannover)
  • Urbane Angsträume wohnungsloser Menschen - Ergebnisse einer explorativen Studie [Abstract]
    Tim Lukas, Bo Tackenberg (Bergische Universität Wuppertal)
  • Wohnungen für Geflüchtete: Wer profitiert? [Abstract]
    Matthias Bernt (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner), Ulrike Hamann (Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität)
  • Gemeinwohl durch Infrastruktur: Ansprüche und Realitäten am Beispiel der Stadtregion Berlin, 1920-2020 [Abstract]
    Timothy Moss (Integratives Forschungsinstitut zu Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen / Humboldt-Universität zu Berlin)
  • Räumliche Verteilungsgerechtigkeit der Alltagsversorgung. Methodische Ansätze und empirische Ergebnisse zur raumstrukturbezogenen und gemeindeübergreifenden Bewertung der Alltagsversorgung in Bayern
    Daniela Boß, Manfred Miosga (Universität Bayreuth)

 

Umweltgerechtigkeit: Verteilung von Umweltressourcen und -belastungen

Inwieweit sind Umweltressourcen und -belastungen räumlich/sozial gerecht verteilt? Welche planerischen Instrumente könnten zu einer umweltgerechten räumlichen Entwicklung beitragen? Inwieweit wird globalen ökologischen Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeits- und Klimagerechtigkeit mit lokalem Handeln begegnet?

  • Biologische Vielfalt in der Stadt – Erhalt und Förderung als Aufgabe umweltgerechter Stadterneuerung? [Abstract]
    Stefanie Rößler (Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, Dresden)
  • Ist gerecht auch gleich – zur Nutzung öffentlicher Freiflächen in der Stadt
    Sonja Deppisch (HafenCity Universität Hamburg)
  • Wie wird die Stadt satt? Ernährung als eine Frage städtischer Gerechtigkeit [Abstract]
    Malena Rottwinkel, Anton Brokow-Loga (Bauhaus-Universität Weimar)
  • Gerechtigkeitsfragen in der kooperativen Grünraumentwicklung: Potentiale transdisziplinärer Forschungs- und Kooperationsformate [Abstract]
    Annegret Haase, Anika Schmidt (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Leipzig), Charlotte Räuchle (Freie Universität Berlin)
  • Grünraumgerechtigkeit erfassen – Entwicklung eines Tool-Sets zur Analyse der Grünraumversorgung in Städten unter Berücksichtigung des Gender+ Ansatzes [Abstract]
    Roswitha Weichselbaumer, Dagmar Grimm-Peter (Universität für Bodenkultur Wien)
  • Reallabore für umweltbezogene Gerechtigkeit – Ein Ansatz zur Vermeidung sozialräumlich konzentrierter Ungleichheiten?
    Raphael Sieber, Lisa Gülleken (TU Dortmund)
  • Umweltgerechtigkeit in der kommunalen Praxis – Erprobung des integrierten Ansatzes in drei Pilotkommunen [Abstract]
    Christa Böhme, Thomas Preuß (Deutsches Institut für Urbanistik, Berlin)

 

Verfahrensgerechtigkeit, planerische Instrumente und Aushandlungsprozesse

Wie wird Gemeinwohl in Analyse-, Abwägungs- und Entscheidungsprozessen ausgehandelt? Wie wird die Raumnutzung planerisch, marktwirtschaftlich und gesellschaftlich gesteuert? Welche Instrumente wirken in der Planungspraxis fördernd oder hemmend und inwieweit greifen bestehende Konzepte? Welchen Beitrag leisten unterschiedliche Steuerungsformen, Institutionen und Akteure für eine gemeinwohlorientierte, sozial gerechte Raumnutzung? Inwieweit sind partizipative Verfahren sozial gerecht?

  • Gerechtigkeit durch partizipative integrierte Planung [Abstract]
    Jens Kretzschmar, Theresa Hilse-Carstensen (Institut für kommunale Planung und Entwicklung, Erfurt)
  • Die Verhandlung planerischer Ziele: Lokale Denk- und Handlungsmuster in bauleitplanerischen Entscheidungsprozessen [Abstract]
    Julian Antoni (Universität Bonn)
  • Ausgleichsmechanismen im österreichischen Planungsrecht
    Arthur Kanonier (TU Wien)
  • Der kommunale Finanzausgleich – Wiederentdeckung eines „alten Instruments“ mit neuen Impulsen für räumliche Verteilungsgerechtigkeit [Abstract]
    Mario Hesse, Christoph Mengs (Universität Leipzig)
  • Die Energiewende als räumliches Gerechtigkeitsproblem: Kompensation fehlender Verteilungsgerechtigkeit durch Anerkennungs- und Verfahrensgerechtigkeit? [Abstract]
    Ludger Gailing (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner)
  • Planerische Aushandlungsprozesse in Zeiten von Rechtspopulismus [Abstract]
    Gala Nettelbladt (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner)
  • Wie kann Gemeinwohlorientierung der städtischen Raumplanung in verschiedenen Bereichen kommuniziert werden, um somit mehr Verständnis für stadtplanerische Entscheidungen zu vermitteln/erzeugen?
    Katja Stock (Stadt Bückeburg)