Die Geschichte der Akademie – ein dunkles Kapitel?

Hans Heinrich Blotevogel, Andreas Stefansky

„In Wahrheit haben weder Raumordnung noch Raumforschung … mit dem Nationalsozialismus auch nur das geringste zu tun“.

Mit diesem Zitat schließt das Kapitel „Nach 1945: Freispruch für die NS-Planer“ des Katalogs zur Ausstellung „Wissenschaft – Planung – Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG 2006: 36). Die viel beachtete und inzwischen auch in Polen gezeigte Ausstellung befasst sich mit den Vorbereitungen deutscher Raumwissenschaftler und Raumplaner für die „völkische Neuordnung Europas“ (ebd.: 6). Die DFG förderte in der Zeit zwischen 1934 und 1945 zahlreiche Forschungsvorhaben, die der Expansionspolitik des nationalsozialistischen Regimes dienten (DFG 2006: 13). Das eingangs angeführte Zitat entstammt übrigens der Festschrift „Raumforschung – 25 Jahre Raumforschung in Deutschland“ der ARL von 1960 (ARL 1960: 3).

Es war nicht zuletzt die Ausstellung der DFG, die der Akademie einen Anstoß gab, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen. Dieser Artikel soll einen kurzen Überblick über die bisherigen Aktivitäten sowie einen Ausblick auf die anstehenden Arbeiten geben.

Zu den Hintergründen: Anfänge der Akademie

Auf ihrer Homepage verweist die ARL darauf, dass sie 1946 gegründet wurde. Aber bereits im Jahr 1960 wurde das 25-jährige Bestehen nicht nur der Raumforschung in Hannover gefeiert:

„Die akademische Institution der deutschen Raumforschung – die Akademie für Raumforschung und Landesplanung – feiert ihren 25. Geburtstag“ […].1 

Ohne Wenn und Aber wird die Akademie von Heinrich Hunke, von 1949 bis 1954 Generalsekretär und von 1960 bis 1964 Vizepräsident der ARL, als „Rechtsnachfolgerin der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung“ (ARL 1961: 10) bezeichnet. Ein (selbst)kritisches Wort zur politischen Ausrichtung der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) unterblieb ebenso wie zu den nationalsozialistischen Verstrickungen von Akademiemitgliedern, von denen viele der RAG angehört hatten und einige an den Arbeiten zum „Generalplan Ost“ beteiligt gewesen waren.

Die RAG wurde 1935 gegründet und sollte das wissenschaftliche Fundament für die im selben Jahr begründete staatliche Raumordnungspolitik des NS-Staates liefern (vgl. Blotevogel 2011: 103). Der erste Leiter (Obmann) der RAG war Prof. Dr. Konrad Meyer, der ab 1936 auch die Zeitschrift „Raumforschung und Raumordnung“ herausgab. Meyer war „die Schlüsselfigur der deutschen Ostraum- und Germanisierungsplanungen“ und wurde „im Oktober 1939 zum Chef-Umsiedlungsplaner“ (DFG 2006: 17) berufen. Aus der RAG gingen nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Akademie für Raumforschung und Landesplanung sowie das Institut für Raumforschung (IfR) in Bad Godesberg – ein Vorläuferinstitut des BBR in Bonn – hervor. Konrad Meyer gehörte nicht nur als Ordentliches Mitglied der Akademie an, sondern war auch Mitglied im wissenschaftlichen Rat des IfR (DFG 2006: 34; Leendertz 2008: 219 ff.).

Bisherige Behandlung der eigenen Geschichte

An der zuvor erwähnten Ausstellung „Wissenschaft – Planung – Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten“ der DFG war die Akademie nicht aktiv beteiligt; sie war vielmehr (überwiegend in Form ihrer Vorgängereinrichtung RAG) ein Objekt der Betrachtung.

Eigene Aktivitäten im Hinblick auf eine kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte entwickelte die Akademie erst spät.2  Begründet durch die gemeinsame Vorgeschichte, führten die ARL und das BBR im Juni 2008 eine zweitägige Veranstaltung zur Geschichte von Raumforschung und Raumplanung im Übergang vom NS-Staat zur jungen Bundesrepublik durch, die anschließend dokumentiert wurde:

„Die Veröffentlichung ist seitens der ARL und des BBR ein erster gemeinsamer Schritt zur Aufarbeitung der aus dem NS-Regime heraus bestehenden Kontinuitäten personeller, institutioneller und konzeptioneller Art“. 3 

Bei der Tagung (und in der Veröffentlichung) wurden einzelne Personen der Raumplanung bzw. Raumwissenschaft betrachtet, die beispielhaft für die personelle Kontinuität stehen; aber auch institutionelle Netzwerke sowie aus der NS-Zeit stammende und in die Nachkriegszeit weitergetragene Konzepte der Raumordnung waren Gegenstand der Betrachtung. Eine umfassende kritische Aufarbeitung der Institutionengeschichte der Akademie konnte damit allerdings nicht geleistet werden.
Eine detaillierte ideengeschichtliche Darstellung der Geschichte der Raumordnung – ausgehend von den 1880er Jahren bis in die 1980er Jahre – legte Ariane Leendertz mit ihrer Dissertation „Ordnung schaffen. Deutsche Raumplanung im 20. Jahrhundert“ 2008 vor. In diesem Rahmen wurden auch wichtige historische Stationen der RAG wie auch der ARL behandelt sowie die für beide Einrichtungen herausragenden Personen, wie z.B. Konrad Meyer und Kurt Brüning, und deren Bedeutung für die Raumwissenschaft kritisch gewürdigt.

Für den Übergang von der RAG zur ARL und die Entwicklung der ARL in der frühen Nachkriegszeit kommt Kurt Brüning eine Schlüsselrolle zu. Auf Initiative des damaligen Vizepräsidenten der ARL Heinrich Mäding beschloss das Präsidium der ARL im Mai 2009, eine biographische Skizze über Kurt Brüning erstellen zu lassen. Im Juli 2009 wurde ein erster Forschungsauftrag mit dem Thema „Die Person Kurt Brüning – Leben, Werk, Wirkung“ an den Historiker Rolf Kohlstedt aus Hannover erteilt. Die Ergebnisse wurden unter dem Titel „,…produktiv kann man in jedem Gewand sein´ – eine biographische Skizze zu Leben, Werk und Wirkung Kurt Brünings“ 2010 dokumentiert.

Der 1897 in Magdeburg geborene Brüning war kurz vor Kriegsende (1944) als Nachfolger von Paul Ritterbusch Obmann der RAG geworden. Es ist Brüning zu verdanken, dass die RAG nach dem Ende des Krieges ihre Tätigkeiten weiterführen konnte, nachdem er dafür gesorgt hatte, dass Personal und Akten nach Hannover und Göttingen verlagert wurden (ARL 1961: 10). In der Arbeit von Kohlstedt wird Brüning vor allem als organisatorisch fähiger, effektiver Wissenschaftsmanager dargestellt. Es ist unbestritten, dass es die Akademie ohne Brüning nicht gegeben hätte. Ariane Leendertz merkt dazu an, dass dies auch ein Stück weit der persönlichen Einstellung Brünings dem Bad Godesberger Institut für Raumforschung gegenüber geschuldet war, indem sie dessen damaligen Direktor Erich Dittrich zitiert: „Wenn ihm das Institut verlockender vorgekommen wäre – für seine persönliche Stellung –, gäbe es heute keine Akademie“ (Leendertz 2008: 235 f.).

Um das Bild von Kurt Brüning weiter zu vervollständigen, beschloss das Präsidium im November 2010, einen weiteren Forschungsauftrag mit dem Titel „Wissenschaftlichkeit und Ideologie im publizistischen Wirken Kurt Brünings“ an Rolf Kohlstedt zu vergeben. In dieser Arbeit sollte zwei Aspekten nachgegangen werden:

  • Welchen Stellenwert nahm das wissenschaftliche Wirken Kurt Brünings in den akademischen Fachdisziplinen ein (und nimmt gegebenenfalls heute noch ein)?
  • Wie sind der Einfluss politischer Standpunkte, insbesondere der nationalsozialistischen Ideologie, auf das Werk Brünings und seine Haltung zum Verhältnis von Politik und Wissenschaft einzuschätzen?

Der Forschungsauftrag wurde in zwei Teilen von Rolf Kohlstedt bearbeitet und schließlich im März 2012 abgeschlossen.

Hinsichtlich des Einflusses nationalsozialistischer Ideologie auf das Werk und Wirken Brünings bleibt das Bild vage. Brüning war vor 1933 Mitglied der SPD, trat 1935 der NSDAP bei und kehrte nach Kriegsende zur SPD zurück. Während des NS-Regimes vertrat er in seinen Schriften nationalsozialistische Positionen, doch ging es ihm vor allem um die Vermehrung landeskundlichen Wissens und dessen Nutzen für die Landesplanung. Seine Haltung gegenüber den jeweils Herrschenden deutet eher auf Opportunismus denn auf feste ideologische Positionen hin. Dazu passt auch, dass Brüning während seiner 13-jährigen (!) Amtszeit als ARL-Präsident (von 1946 bis 1959) jegliche öffentliche Auseinandersetzung mit der NS-Raumforschung und Raumordnung vermied und offensichtlich keinerlei Bedenken hatte, politisch kompromittierte Kollegen, wie zum Beispiel Günther Franz, Heinrich Hunke, Konrad Meyer und Herbert Morgen, in die Akademie zu holen.

Die vorliegenden Arbeiten zu Kurt Brüning sowie zur Geschichte der ARL werfen einige interessante und aufschlussreiche Schlaglichter auf den ARL-Vorläufer RAG sowie auf die Gründungs- und Frühzeit der Akademie. Sie bieten allerdings nur erste Bausteine, denn eine umfassende Aufarbeitung und Bewertung der ARL-Geschichte nach den Maßstäben der historisch-kritischen Geschichtswissenschaft steht noch aus.

Neue Optionen

Im Januar 2011 beauftragte das Präsidium eine kleine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Heinrich Mäding, Vorschläge für eine weiter gehende Beschäftigung mit der Akademiegeschichte zu erarbeiten. Die im Februar 2012 vorgelegten Vorschläge umfassen drei – untereinander auch kombinierbare – Optionen:

  1. Externer Forschungsauftrag an eine Historikerin oder einen Historiker zur Erarbeitung einer Akademiegeschichte (auf der Grundlage von Archivquellen). Ungeklärt ist dabei vor allem die Finanzierung.
  2. Workshop oder Tagung, vorrangig mit eingeladenen Beiträgen. Eine solche Veranstaltung wäre schneller machbar und einfacher zu finanzieren; allerdings besteht Skepsis hinsichtlich des Potenzials qualifizierter einschlägiger Referate.
  3. Arbeitskreis aus Akademie- und externen Mitgliedern. Fraglich erscheint, inwieweit qualifizierte Externe zu einer mehrjährigen ehrenamtlichen Mitarbeit bereit sind und inwiefern in einem solchen Arbeitskreis Primärforschung geleistet werden kann.

Das Präsidium begrüßte die Vorschläge der Arbeitsgruppe und bekräftigte seine Absicht, das Thema „Akademiegeschichte“ weiter zu verfolgen. Nach Abwägung der Stärken und Schwächen entschied es, die Realisierbarkeit der ersten beiden Optionen näher zu prüfen.

Ein Forschungsauftrag an eine einschlägig qualifizierte Zeithistorikerin oder einen Zeithistoriker über einen Zeitraum von 2–3 Jahren würde allerdings Kosten in Höhe von ca. 150.000 bis 200.000 Euro verursachen und wäre damit durch die ARL keinesfalls finanzierbar. Es wird deshalb gegenwärtig geprüft, ob ein solches Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert werden könnte. Allerdings müsste in diesem Fall eine einschlägig qualifizierte Zeithistorikerin oder ein Zeithistoriker für die Antragstellung und Leitung eines solchen Projekts gewonnen werden. Erste Kontakte mit dem zuständigen Referenten in der Geschäftsstelle der DFG und einer möglichen Antragstellerin waren durchaus vielversprechend. Allerdings wurde dabei zweierlei deutlich: Zum einen könne ein solches Projekt keine Institutionengeschichte im engeren Sinne sein, sondern müsse sich mit der Entwicklung der Raumordnung bzw. Raumplanung in einem breiteren geschichtlichen Kontext befassen. Dabei könne der Schlüsselakteur ARL durchaus im Fokus stehen, allerdings eingebettet in eine sozial- und politikgeschichtliche Problemperspektive von allgemeinerem Interesse. Zum andern erfordere die Antragstellung nicht unerhebliche Vorarbeiten, die von der ARL finanziert werden müssten.

Der Vorschlag für eine wissenschaftliche Tagung traf zeitlich zusammen mit einer ähnlichen Initiative unseres Mitglieds Wendelin Strubelt, der anregte, die ARL möge in Zusammenarbeit mit Historikern ein wissenschaftliches Symposium zur Rolle der Raumplanung in Staat und Gesellschaft im 20. Jahrhundert organisieren. Das Präsidium spricht sich dafür aus, beide Vorschläge zusammenzuführen und eine entsprechende Tagung vorzubereiten. In einem Gespräch, an dem auf Einladung von Vizepräsident Blotevogel außer W. Strubelt auch die Historiker Detlef Briesen und Jürgen Reulecke teilnahmen, wurde Einigkeit dahingehend erzielt, dass im Mittelpunkt der geplanten Tagung, die im Winter 2013/14 stattfinden könnte, die Entwicklung der Raumplanung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen sollte. Ein entsprechendes Tagungskonzept befindet sich in Vorbereitung.

Über die weitere Entwicklung der beiden Vorhaben – das externe Forschungsprojekt sowie die Fachtagung – werden wir weiter berichten.

Zitierte Literatur

  • ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (1960): Raumforschung – 25 Jahre Raumforschung in Deutschland. Bremen.
  • ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (1961): Festsitzung anläßlich des 25jährigen Bestehens der Raumforschung in Deutschland am 27. Oktober 1960 im Alten Rathaus zu Hannover. Hannover.
  • Blotevogel, H. H. (2011): Geschichte der Raumordnung. In: Klaus Borchard (Hrsg.): Grundriss der Raumordnung und Raumentwicklung. Hannover, S. 75-168, 182-189.
  • DFG – Deutsche Forschungsgemeinschaft (2006): Wissenschaft, Planung, Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten. Eine Ausstellung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bonn.
  • Leendertz, A. (2008): Ordnung schaffen. Deutsche Raumplanung im 20. Jahrhundert. Göttingen.
  • Mäding, H.; Strubelt, W. (Hrsg.) (2009): Vom Dritten Reich zur Bundesrepublik. Beiträge einer Tagung zur Geschichte von Raumforschung und Raumplanung am 12. und 13. Juni 2008 in Leipzig. Arbeitsmaterial der ARL Nr. 346. Hannover.
  • Meyer, K. (1971): Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung 1935–1945. In: Raumordnung und Landesplanung im 20. Jahrhundert. Histor. Raumforsch. 10, Forsch.- u. Sitzungsber. Nr. 63. Hannover, S. 103-116.
  • Venhoff, M. (2000): Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) und die reichsdeutsche Raumplanung seit ihrer Entstehung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Arbeitsmaterial der ARL Nr. 258. Hannover.
  • Waldhoff, H.-P.; Fürst, D.; Böcker, R. (1994): Anspruch und Wirkung der frühen Raumplanung. Zur Entwicklung der niedersächsischen Landesplanung 1945–1960. Beiträge der ARL Nr. 130. Hannover.

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1 Eröffnungsworte zur Festsitzung anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von Raumforschung (und ARL) des damaligen Vizepräsidenten der Akademie, Ministerialdirigent Prof. Dr. H. Hunke (vgl. ARL 1961: 9).

2 Nachdem die ARL noch 1971 Konrad Meyer die Gelegenheit zu einer geradezu peinlichen Rechtfertigung der RAG gegeben hatte (Meyer 1971), erfolgten mit der Veröffentlichung von Waldhoff et al. (1994) und Venhoff (2000) erste Ansätze zu einer kritischen Aufarbeitung der Raumordnungsgeschichte.

3 Vgl. Mäding und Strubelt 2009. Zitat aus dem Vorwort S. VII.