Ist das Zentrale-Orte-Konzept noch zeitgemäß?
Frühjahrssitzung der LAG Bayern
Das Zentrale-Orte-Konzept ist eng verbunden mit einem weitreichenden Steuerungsanspruch in der Raumplanung. Ist es angesichts veränderter gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen noch aktuell, oder bedarf es einer Neujustierung? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Frühjahrssitzung der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Bayern am 8. April 2013, die vom Vorsitzenden der LAG Dr. Jürgen Weber geleitet wurde. Gründe für eine Änderung gibt es genug: Der mit dem Konzept insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren verbundene weitreichende staatliche Steuerungsanspruch der Raumentwicklung hat im Laufe der Jahre einen geringeren Stellenwert im politischen und planerischen Handeln bekommen. Zudem haben sich die Lebensweisen der Menschen stark verändert. Aufgrund eines stark gestiegenen Motorisierungsgrades können heute viele Orte schneller und bequemer erreicht werden, was sich insbesondere im Einkaufs- und Freizeitbereich zeigt. Dementsprechend stimmen die aktionsräumlichen Muster der Menschen heute viel weniger mit den zentralörtlichen Prinzipien überein. Auch die Wirtschaftsentwicklung im Zeichen der Globalisierung führt zu einer partiellen Neubewertung Zentraler Orte. Es ließen sich mühelos viele weitere Rahmenbedingungen nennen, die zu einer Neubewertung des Konzeptes und möglicherweise zu einer Weiterentwicklung führen können. Auch in Bayern nehmen die Diskussionen zum Stellenwert der Zentralen Orte in der Landes- und Regionalplanung zu. Die Novellierung des Bayerischen Landesentwicklungsprogramms – zu dem die LAG Bayern Stellungnahmen abgegeben hat – sieht beispielsweise eine Reduzierung der Zentralitätsstufen vor, aber keine Reduzierung der Zahl der Zentralen Orte. Wie sind solche Änderungen zu beurteilen?
Eine der wichtigsten Ursachen ist der tiefgreifende Wandel der Ökonomie, also der Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Die fordistische Massenproduktion wird durch eine innovationsgetriebene, flexible Produktion abgelöst. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Industrie, sondern sie zeigt sich auch in den verschiedenen Dienstleistungsbereichen. Als Folge sehen wir eine Auflösung des weitgehend standardisierten Zeitregimes: Menschen arbeiten unregelmäßiger und länger. Der Arbeitsmarkt ist insgesamt unsicherer geworden. Eine weitere, wohl die allerwichtigste Ursache für die Neubewertung der Stadt ist die stark gestiegene Frauenerwerbstätigkeit. Frauen waren noch nie so gut ausgebildet wie heute, und das Beschäftigungswachstum in den Städten beruht zu einem großen Anteil auf der Frauenerwerbstätigkeit. Damit sind zwei Grundlagen für die Suburbanisierung infrage gestellt: ein starkes, verlässliches Wirtschaftswachstum und ein Geschlechtervertrag, in dem der Mann der Haupternährer ist und die Frau allenfalls hinzuverdient, aber ansonsten hauptsächlich den Haushalt in Suburbia organisiert. Dieses Modell gibt es heute immer seltener. Die Auflösung des traditionellen Geschlechtervertrags und die neuen Arbeitsmodelle führen dazu, dass das Leben und die Work-Life-Balance in Suburbia immer schwieriger zu organisieren sind. Leute, die heute ins Berufsleben einsteigen oder eine Familie gründen, versuchen in der Stadt zu bleiben. Diese Re-Urbanisierung führt zu Konflikten und zu einem „Kampf um den Raum“ in der Stadt.
Zunächst möchte ich festhalten, dass ich eine Anhängerin des Begriffs der StadtLandschaften bin. Aber ich möchte dafür sensibilisieren, dass man bestimmte Trennlinien allzu leicht aus dem Auge verliert, wenn man sich auf diesen Begriff einlässt. Die StadtLandschaft wird häufig positiv konnotiert, ohne dass berücksichtigt wird, dass Räume ganz unterschiedliche Infrastrukturen aufweisen. Ich unterscheide Räume nach dem Grad ihrer Vernetzung, also danach, inwieweit sie eingebunden sind in die globalen Kapital-, Waren- und Personenströme. Zwischen Räumen bestehen große Ungleichheiten, und soziale Benachteiligung ist räumlich konzentriert. Wo man lebt, aufwächst und alt wird, bestimmt sehr maßgeblich die Handlungs- und Teilhabechancen. Die gefährdeten Gebiete sind oftmals die peri-urbanen und sehr abgelegene Gebiete. Manchmal sind es aber auch Randgebiete von Metropolen, weil es dort keine ausreichende Infrastruktur gibt.
Brückner: Wir haben den Stadtumbau im Rahmen des Programms "Stadtumbau Ost" begonnen. Während die Wohnungsunternehmen sich am Beginn des Prozesses nur auf den Abriss von Wohnungen kapriziert haben, haben wir Stadtentwicklung unter Schrumpfungsbedingungen weiter gefasst. Wir haben versucht, die Stadt neu zu "konfigurieren", indem wir mit anderen Akteuren in einer Planungswerkstatt zusammengearbeitet haben. Wir sind auf Vereine und Initiativen zugegangen und haben sie gefragt: Was für einen Gewinn für die Stadt könnt ihr aus dieser Umbruchsituation, den neuen StadtLandschaften und den entstehenden Brachen ziehen? Könnt ihr euch vorstellen, in dieser neuen StadtLandschaft tätig zu werden, indem ihr zum Beispiel Ideen beisteuert, Flächen kauft oder sie zwischennutzt? Wollt und könnt ihr selbst Ressourcen bereitstellen und etwas realisieren oder möchtet ihr Projektpate werden? Um diesen Prozess in Gang zu setzen, haben wir uns zwei Monate lang einmal die Woche in einer lokalen Agenda-Initiative getroffen. Wir haben 80 Gespräche geführt und 20 Ideen entwickelt, von denen zehn direkt umgesetzt werden konnten.
