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Vom Grenzraum zum Verflechtungsraum

Grenzüberschreitende Raumentwicklung zwischen Polen und Deutschland

Am 11. und 12. Juni 2026 diskutierten Fachleute aus Planungspraxis, Wissenschaft und Verwaltung auf der gemeinsamen Frühjahrstagung der Regionalen ARL-Foren Nordost und Südost, wie grenzüberschreitende Raumentwicklung im deutsch-polnischen Verflechtungs-raum gelingen kann. Die Tagung an der deutsch-polnischen Grenze, im Collegium Polonicum in Słubice, zeigte eindrücklich die Potenziale und auch die Bereitschaft für die grenzüber-schreitende Zusammenarbeit auf, machte aber gleichzeitig deutlich, dass weiterhin Heraus-forderungen in der Verstetigung der Zusammenarbeit und dem Abbau struktureller und administrativer Hürden bestehen.

Zum Auftakt der Tagung begrüßte Dr. André-Benedict Prusa, Dezernent für Stadtentwicklung, Bauen und Umwelt der Stadt Frankfurt (Oder), die Teilnehmenden mit Erfahrungsberichten aus der gelebten Praxis grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Doppelstadt. Trotz vielfältiger Herausforderungen gelinge es Frankfurt (Oder) und Słubice, lokale Projekte, wie eine gemeinsame Buslinie, umzusetzen. Notwendige Gelingensbedingungen dafür seien vor allem die Entwicklung von gegenseitigem Vertrauen, die Stärkung persönlicher Beziehungen und die Suche nach pragmatischen Lösungen. Als wichtige Zukunftsthemen beidseitig der Grenze nannte er Mobilität, Wohnen, Klimaanpassung sowie Fragen von Sicherheit, Krisenvorsorge und Resilienz, auch im Kontext neuer Bedrohungslagen und militärischer Belange.

In einer grundlegenden Einführung zum Tagungsthema machten Dr. Maciej Zathey, Institut für territoriale Entwicklung Breslau, und Prof. Dr. Robert Knippschild, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, deutlich, dass sich die deutsch-polnische Zusammenarbeit in Fragen der Raumentwicklung in den vergangenen 35Jahren vom Grenzraum zu einem deutsch-polnischen Verflechtungsraum entwickelt habe. Dabei zeigten sie, dass unterschiedliche Verwaltungsstrukturen, Planungssysteme und -kulturen, Rechtsgrundlagen und Fachbegriffe sowie Sprachbarrieren die Zusammenarbeit jedoch immer wieder vor Herausforderungen stellen. Die räumliche Integration an den Grenzen sei kein Automatismus, sondern könne nur mit politischem Willen vor Ort gelingen und gestaltet werden, im Zweifel auch unabhängig von der politischen „Großwetterlage“ auf nationaler Ebene. Zukünftig sollten grenzüber-schreitende Projekte noch stärker miteinander verknüpft werden, um Synergien zu nutzen und räumlich eine größere Wirkung zu erzielen.

Dr. Marcin Krzymuski (Kooperationszentrum Frankfurt (Oder)/Slubice), Dr. Przemysław Jackowski (Kommunalgemeinschaft der Euroregion POMERANIA e.V) und Leonie Liemich (TRAWOS - Institut für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung der Hochschule Zittau/Görlitz) zeigten aus verschiedenen Perspektiven, dass grenzüberschreitende Zu-sammenarbeit vor allem dort gelingt, wo funktionierende Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Systemen geschaffen werden. Persönliches Vertrauen, gemeinsame Projek-te, regelmäßiger Austausch und dauerhafte Netzwerke spielen dabei eine wesentliche Rolle und seien oft wichtiger als die bloße Schaffung formaler Strukturen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde hervorgehoben, dass die Grenzregionen stärker als Verflechtungsräume verstanden werden sollten, in denen gemeinsame Potenziale und Chancen, beispielsweise für regionale Innovations- und Wertschöpfungsketten, im Vordergrund stehen. Dafür brauche es geteilte Leitbilder und institutionelle Strukturen ebenso wie die praktische Umsetzung von konkreten Projekten. Grundlegend für die erfolgreiche Zusammenarbeit sei insbesondere die Bereitschaft, Perspektiven der Nachbarländer zu verstehen und einzubeziehen, gemeinsame (Planungs-)Begriffe zu entwickeln und auch Rechtsvorschriften korrekt zu übersetzen. Angemahnt wurde aber auch, dass die Wirkungen der häufig informellen Strukturen und Projekte kritisch beleuchtet werden müssen. So würden z. B. auf Ebene der Daseinsvorsorgen tatsächliche Defizite bei der Mobilität oder der Gesundheitsversorgung nicht durch informelle Strukturen allein gelöst.

Gruppenfoto von rund 20 Personen auf einer breiten Treppe in einem modernen Gebäude. Die Teilnehmenden stehen in mehreren Reihen und blicken in die Kamera.
Gruppenfoto der Teilnehmenden und Referierenden

Der zweite Tagungstag widmete sich konkreten Beispielen grenzüberschreitender Zu-sammenarbeit. Jens Kurnol (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung) machte deutlich, wie die Vernetzung des Ostseeraums als gemeinsamer Wirtschafts-, Lebens- und Entwicklungsraum und hinsichtlich geteilter Herausforderungen wie dem Klimawandel, dem demographischen Wandel und geopolitischen Veränderungen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Antje Wilke und Iwona Pasieka-Göpfert (Gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg) erläuterten die Rolle des Gemeinsamen Zukunftskonzeptes (GZK) 2050 als strategische Vision und Sichtbarmachung funktionaler Verflechtungen. Sie zeigten, wie durch das Projekt BB-L Interconnection und die Entwicklungsachse Berlin-Stettin eine lokale und regionale Handlungsebene u. a. für grenzüberschreitende Mobilität und Gesundheitsver-sorgung auch für ländliche Verflechtungsräume entstehen kann.

In ihrer Vorstellung des deutsch-polnischen UNESCO Geoparks Muskauer Faltenbogen unter-strich Nancy Sauer die wichtige Rolle von „bottom up“-Projekten bei der Stärkung der Zusammenarbeit im Verflechtungsraum. Mit ersten Ergebnissen des MORO – Modellvorhaben der Raumordnung zur Verbesserung des Landschaftswasserhaushalts im deutsch-polnischen Grenzgebiet rückte Markus Kather (Regionale Planungsgemeinschaft Uckermark-Barnim) im Feld der Klimaanpassung die zentrale Rolle von Dialogprozessen in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ins Zentrum.

Auch die Erkenntnisse des zweiten Tages hoben die Bedeutung eines Perspektivwechsels von Grenzregionen hin zu einem gemeinsamen Verflechtungsraum nochmals hervor. Es wurde sehr deutlich, wie wichtig informelle Instrumente und Vertrauensaufbau für die Vorbereitung und Umsetzung formeller Planungen und weiterer Vorhaben kooperativer Raumentwicklung sind. Das Vorhandensein gemeinsamer Daten und kompatibler Informationsgrundlagen ist dafür eine zentrale Voraussetzung. Die Teilnehmenden betonten zugleich immer wieder die Notwendigkeit, explizit auch Hindernisse, Konflikte und gescheiterte Ansätze in den Blick zu nehmen und zu reflektieren, um daraus für zukünftige Kooperationen zu lernen. Denn trotz vieler existierender Projekte und positiver Erfahrungen zeigte sich, dass die deutsch-polnische Zusammenarbeit in Fragen der Raumentwicklung ein komplexer und langfristiger Prozess ist, der weiterhin von vielen Herausforderungen geprägt sein wird.

Blick über die Oder auf das Stadtufer von Frankfurt (Oder) bei Sonnenuntergang. Dunkle Wolken hängen über dem Fluss, während sich der gelb-orange Himmel, Gebäude und eine Kirche im ruhigen Wasser spiegeln.
Blick von der Brücke auf die Oder – ein Fluss, der trennt und auch verbindet

 

Ein kurzes Video zur Tagung finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=_Tw_0fQvMzY

Für die professionelle Aufbereitung und Dokumentation danken wir Claus Beck, Geschäftsführung des Regionalen Forums Nordost, sehr herzlich!

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Fachliche Ansprechpersonen in der ARL

Dr. Katharina Kapitza
Leitung des Wissenschaftlichen Referats "Strategien und Konzepte räumlicher Transformation" und Ansprechperson für das ARL-Forum Nordost 
Tel. +49 511 34842 47
katharina.kapitza@arl-net.de

Dr. Sebastian Krätzig
Leitung des Wissenschaftlichen Referats "Räumliche Planung und Politik" und Ansprechperson für das ARL-Forum Südost 
Tel. +49 511 34842 52
sebastian.kraetzig@arl-net.de