Schwerpunktheft zum Thema Transit-Oriented Development in der Bestandsentwicklung in der Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (RuR)
Call for Papers für ein Schwerpunktheft zum Thema Transit-Oriented Development in der Bestandsentwicklung in der Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (RuR) (rur.oekom.de)
Gastherausgeberin/Gastherausgeber:
Stefan Siedentop (Technische Universität Dortmund), Arvid Krüger (Universität Kassel) und Martina Hülz (ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft)
Thema
Transit-Oriented Development (TOD) gilt im internationalen Kontext als wichtiges Konzept der nachhaltigen Regional-, Stadt- und Quartiersentwicklung. Transit-Oriented Development verfolgt das Ziel, Siedlungsentwicklung und leistungsfähigen öffentlichen Verkehr räumlich und funktional zu verknüpfen. Im Mittelpunkt stehen kompakte, nutzungsgemischte Quartiere mit hoher Erreichbarkeit und Aufenthaltsqualität sowie eine nachhaltige, klimaangepasste und sozial verträgliche Raumentwicklung. Das special issue richtet den Blick insbesondere auf Transit-Oriented Development in der Bestandsentwicklung und fragt nach den Potenzialen, Herausforderungen und Governance-Ansätzen einer integrierten Siedlungs- und Verkehrsentwicklung in unterschiedlichen Raumtypen.
Transit-Oriented Development wurde in den 1980er und 1990er Jahren international als Leitbild nachhaltiger Siedlungs- und Verkehrsentwicklung etabliert, knüpft jedoch an ältere europäische Konzepte integrierter Siedlungs- und Verkehrsentwicklung an, etwa den Fingerplan Kopenhagens oder Achsenkonzepte der deutschen Regionalplanung. Moderne TOD-Ansätze gehen über diese klassischen Konzepte hinaus, indem sie stärker auf integrierte Governance, die Qualität öffentlicher Räume, Nutzungsmischung, aktive Mobilitätsformen sowie die Einbindung privater und zivilgesellschaftlicher Akteure setzen. Darüber hinaus werden zunehmend Fragen der sozialen Teilhabe, der Wohnraumentwicklung und der Bodenpolitik diskutiert, da gut erschlossene Standorte sowohl nachhaltige Innenentwicklung fördern als auch Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse auslösen können.
Transit-Oriented Development kann sich in seiner Legitimität auf nachgewiesene Wirkungen stützen. Zahlreiche Studien zeigen, dass der Anteil der Wege, den Bewohnerinnen und Bewohner von TOD-Quartieren mit öffentlichen Verkehrsangeboten zurücklegen, höher ist und die Pkw-Abhängigkeit geringer ausfällt. Zugleich ist einzuräumen, dass Transit-Oriented Development globale Trends der Suburbanisierung nur bedingt aufhalten konnte. In den meisten OECD-Ländern – auch in Deutschland – sind monofunktionale und gering verdichtete Formen der Siedlungsentwicklung nach wie vor dominierend, wodurch die Autoabhängigkeit des Siedlungssystems nachweislich zunimmt. Dies verweist auf erhebliche institutionelle Hemmnisse bei der Verankerung von TOD-Prinzipien in der regionalen und kommunalen Siedlungs- und Verkehrsplanung.
Auch in Deutschland konnte sich Transit-Oriented Development als leitendes Konzept der Regional- und Stadtentwicklung bis dato nur bedingt durchsetzen. Zwar verfolgt die deutsche Regionalplanung seit Jahrzehnten Ansätze einer integrierten Siedlungs- und Verkehrsentwicklung, eine systematische Ausrichtung der Siedlungsentwicklung an TOD-Prinzipien lässt sich bislang jedoch nur in wenigen Regionen erkennen. Dies gilt sowohl für die Erschließung neuer Siedlungsgebiete auf bislang nicht baulich genutzten Flächen als auch für die Weiterentwicklung im Bestand. Dabei stellen sich je nach räumlicher Ebene unterschiedliche Herausforderungen: Während auf regionaler Ebene Fragen der Siedlungssteuerung, Erreichbarkeit und Infrastrukturkoordination im Vordergrund stehen, geht es auf kommunaler und quartiersbezogener Ebene insbesondere um Nutzungsmischung, Freiraumqualität, Gestaltung öffentlicher Räume sowie soziale und bodenpolitische Rahmenbedingungen. So stehen viele Kommunen vor erheblichen Herausforderungen, Siedlungsentwicklung, Mobilität, Freiraumentwicklung und Infrastrukturplanung unter den Bedingungen begrenzter Ressourcen, komplexer Governance-Strukturen und teilweise auch demographischer Schrumpfung miteinander zu verknüpfen.
Die vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit, die TOD-Konzepte in der deutschen Regional- und Stadtentwicklungspolitik genießen, korrespondiert mit einem sehr überschaubaren Forschungsstand. Die bisherige Forschung konzentriert sich vor allem auf Potenziale der Siedlungsentwicklung an Haltepunkten des Schienenpersonennahverkehrs, Fragen der Operationalisierung sowie einzelne Fallstudien.
Bislang ist jedoch kaum untersucht, wie TOD-Prinzipien systematisch für die Bestandsentwicklung genutzt werden können. Zudem fokussiert die internationale TOD-Forschung bislang überwiegend auf wachsende Metropolräume. Demgegenüber gewinnen Fragen der Bestandsentwicklung in Klein- und Mittelstädten, Bahnhofsquartieren sowie suburbanen und ländlichen Räumen zunehmend an Bedeutung. Gerade diese Räume werfen spezifische Fragen auf: Wie können TOD-Ansätze unter Bedingungen begrenzter Wachstumsperspektiven und kommunaler Handlungsspielräume gestaltet werden? Welche Rolle spielen regionale Kooperationen sowie soziale und bodenpolitische Rahmenbedingungen? Während international umfangreiche Forschung zu Transit-Oriented Development vorliegt, fehlen bislang systematische Untersuchungen zur Übertragbarkeit und Umsetzung von TOD-Prinzipien in unterschiedlichen deutschen Raumtypen. Hier setzt das special issue an.
Ziele und Forschungsfragen
Die obige Feststellung, wonach sich Transit-Oriented Development in Deutschland bislang nicht als leitendes Prinzip der Siedlungs- und Verkehrsentwicklung durchsetzen konnte, ist Ausgangspunkt des special issue. Mit Blick auf den im Baugesetzbuch verankerten Vorrang der Innenentwicklung wird dabei auf Entwicklungen im Bestand fokussiert, auch wenn eine Auseinandersetzung mit Transit-Oriented Development als Form der Stadterweiterung explizit nicht ausgeschlossen ist.
Die Beiträge des special issues sollen empirische Erkenntnisse, theoretische Perspektiven und planerische Erfahrungen zusammenführen und insbesondere folgende drei Fragestellungen adressieren:
- Transit-Oriented Development als räumliches Entwicklungskonzept
- In welchem Maße ist es in Deutschland bislang zu Transit-Oriented Development im Sinne einer Siedlungsentwicklung und Verdichtung im Umfeld von Haltestellen des Schienenpersonennahverkehrs gekommen?
- Welche Unterschiede zeigen sich dabei zwischen Bestandsentwicklung und Stadterweiterung sowie zwischen Groß-, Mittel- und Kleinstädten, suburbanen und ländlichen Räumen?
- Welche räumlichen Wirkungen lassen sich hinsichtlich Mobilität, Flächennutzung, Klimaanpassung, Freiraumentwicklung und sozialer Entwicklung beobachten?
- Planung, Governance und Umsetzung auf unterschiedlichen Maßstabsebenen
- Welche Rolle spielen TOD-Prinzipien auf den verschiedenen räumlichen Planungsebenen – von der kommunalen Bauleitplanung über die Regionalplanung bis hin zu stadtregionalen und metropolitanen Entwicklungsstrategien?
- In welchem Maße verfolgt die Regional- und Stadtentwicklungsplanung TOD-Prinzipien und welche Unterschiede zeigen sich diesbezüglich in den Bundesländern und Regionen?
- Welche Formen der Mehrebenen-Governance und interkommunalen Kooperation unterstützen eine erfolgreiche Umsetzung von Transit-Oriented Development?
- Erfolgsbedingungen, Hemmnisse und Zukunftsperspektiven
- In welchem Maße kommen TOD-Prinzipien als Elemente in Strategien der Bestandsentwicklung und Stadterneuerung vor, inwieweit korrelieren sie mit der verkehrlichen Aufwertung eines bestehenden Bahnhofs?
- Welche institutionellen Hemmnisse können für die im deutschen Kontext bislang eher geringe Bedeutung von Transit-Oriented Development benannt werden?
- Welche Rolle spielen dabei bodenpolitische Instrumente, Finanzierungsmodelle, Wohnungsmarktentwicklungen sowie Fragen der sozialen Gerechtigkeit, etwa bezahlbares Wohnen, Aufwertung und Verdrängung?
- Welche Faktoren begünstigen erfolgreiche TOD-Strategien und Projekte?
Eingeladen sind vor allem empirische Beiträge, die reale Entwicklungen aufzeigen und Planungserfahrungen reflektieren. Dies können regionale oder lokale Fallstudien ebenso wie geodaten- oder statistikbasierte Analysen sein. Besonders willkommen sind Beiträge, die sich mit den Schnittstellen zwischen Stadt-, Verkehrs-, Regional- und Freiraumplanung befassen und dabei sowohl theoretische als auch empirische oder praxisorientierte Perspektiven einbringen.
Gesucht werden Beiträge zu folgenden Themenbereichen:
- Transit-Oriented Development in Groß-, Mittel- und Kleinstädten sowie suburbanen und ländlichen Räumen
- Regionalplanerische Ansätze zur Ausrichtung der Siedlungsentwicklung am Schienenpersonennahverkehr
- Instrumente der kommunalen Planung zur Umsetzung von Transit-Oriented Development
- Finanzierung, Bodenpolitik und innovative Umsetzungsmodelle
- Bezahlbares Wohnen, soziale Inklusion sowie Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse im Kontext von Transit-Oriented Development
- Bahnhofsquartiere als Knotenpunkte integrierter Stadt- und Regionalentwicklung
- Governance, Kooperation und Mehrebenen-Steuerung in TOD-Prozessen
- Transit-Oriented Development unter Bedingungen von Schrumpfung und Stagnation
- Methoden zur Evaluation, Wirkungsanalyse und zum Monitoring von Transit-Oriented Development
- Internationale Vergleichsstudien sowie Beiträge zu Transit-Oriented Development in unterschiedlichen institutionellen und planerischen Kontexten
Erwünscht sind insbesondere Beiträge mit innovativen theoretischen und methodischen Perspektiven, mit empirischen Analysen unterschiedlicher räumlicher Kontexte, mit vergleichenden internationalen Fallstudien sowie Beiträge, die wissenschaftliche Erkenntnisse mit planerischer Praxis verbinden.
Weitere Hinweise
Beiträge können auf Deutsch oder Englisch verfasst und in den Kategorien „Forschungsbeitrag / Research Article“ und „Kommentar / Commentary“ eingereicht werden. Interessierte Autorinnen und Autoren werden gebeten, die Autorenhinweise der Zeitschrift zu beachten (https://rur.oekom.de; Rubrik „Submissions“). Alle einzureichenden Manuskripte durchlaufen das übliche doppelblinde Begutachtungsverfahren.
Weiterführende Literatur (Auswahl):
- Bertolini, L. (1999): Spatial Development Patterns and Public Transport: The Application of an Analytical Model in the Netherlands. In: Planning Practice and Research 14, 2, 199–210. https://doi.org/10.1080/02697459915724
- Calthorpe, P. (1993): The Next American Metropolis. Ecology, Community, and the American Dream. New York.
- Curtis, C.; Renne, J.L.; Bertolini, L. (Hrsg.) (2009): Transit Oriented Development. Making it Happen.
- Ibraeva, A.; Homem de Almeida Correia, G.; Silva, C.; Pais Antunes, A. (2020): Transit-oriented development: A review of research achievements and challenges. In: Transportation Research Part A: Policy and Practice 132, 110–130. https://doi.org/10.1016/j.tra.2019.10.018
Zeitplan
Der folgende Zeitplan ist vorgesehen:
- Einreichung von Abstracts per E-Mail bei den Gastherausgeberin/Gastherausgebern (nicht über die Redaktionsplattform der Zeitschrift): 30. September 2026
- Benachrichtigung der Autorinnen und Autoren, ob auf Basis des Abstracts ein Manuskript eingereicht werden kann: 31. Oktober 2026
- Deadline für die Einreichung fertiger Manuskripte auf der Redaktionsplattform der Zeitschrift: 31. Januar 2027
- Die „online first“-Publikation erfolgt jeweils rund vier Wochen, nachdem der entsprechende Beitrag angenommen wurde.
- Die Printveröffentlichung des Schwerpunktheftes ist für Herbst 2027 vorgesehen.
Für fachliche Fragen stehen die guest editors gern zur Verfügung: Stefan Siedentop (stefan.siedentop@tu-dortmund.de), Arvid Krüger (arvid.krueger@asl.uni-kassel.de) und Martina Hülz (martina.huelz@arl-net.de).
Für organisatorische Fragen steht der Schriftleiter Andreas Klee (andreas.klee@arl-net.de) gern zur Verfügung.

