11.07.2013 Anne Ritzinger

Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration

ARL-Fachtagung

Internationale Migration in die Europäische Union wie auch zwischen einzelnen EU-Mitgliedsländern stellt eine der großen aktuellen gesellschaftspolitischen Herausforderungen dar. Gegenstand politischer Diskussionen und wissenschaftlicher Forschungen sind zum Beispiel die Ursachen für die Konzentration von Personen mit Migrationshintergrund in spezifischen städtischen Quartieren, die Chancen von Zuwanderern auf dem Arbeits‐ und Wohnungsmarkt bzw. die Restriktionen, denen sie unterliegen, ihre Perspektiven im Bildungsbereich und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand. Daraus ergeben sich auch für die Stadt‐ und Regionalentwicklung vielfältige Fragestellungen. Ende 2009 hat die ARL daher einen Arbeitskreis zum Thema „Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration“ unter der Leitung von Prof. Dr. Paul Gans, Universität Mannheim, eingesetzt. Im Januar 2013 veranstaltete dieser Arbeitskreis eine Fachtagung zum Thema, an der etwa 100 Personen aus Wissenschaft, Kommunalverwaltung, Bildungseinrichtungen und Verbänden teilnahmen. Diskutiert wurden insbesondere folgende Fragen: Welches Integrationskonzept spiegelt die komplexen Lebensrealitäten in multikulturellen Gesellschaften wider? Welche Integrationspolitiken verfolgen die Kommunen und wie sind diese zu bewerten? Vor welchen Herausforderungen steht das Zusammenleben im Quartier und vor welchen das deutsche Bildungssystem?

Was verstehen wir unter „Integration“?

Internationale Migration und Fragen der Integration haben bereits eine lange Geschichte – auch die Stadtforschung konnte bereits in den 1920er Jahren mit dem „Melting Pot“ ihr erstes Integrationsmodell präsentieren. Seitdem hat sich eine vielfach differenzierte Diskussion um verschiedene Integrationsleitbilder, um nationale und kulturelle Identitäten, kurz um die Frage nach dem richtigen Verhältnis zwischen dem „Wir“ und „den anderen“ aufgetan. Welches Integrationskonzept entspricht angesichts der zunehmenden Heterogenisierung westlicher Gesellschaften noch den komplexen Lebensrealitäten der Menschen vor Ort? Und stellen Identitätskonzepte, die von generalisierten Gruppenidentitäten ausgehen, noch passende Identifikationsangebote für den Einzelnen bereit? Was bedeutet es, integriert zu sein und wann wird von erfolgreicher Integration gesprochen? Von wem ist welche Leistung oder Bereitschaft notwendig, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu erreichen? Diese Fragen diskutierte der Vortrag von Dr. Christina West, Universität Mannheim. Sie plädierte dafür, interne Differenzen innerhalb kollektiver Identitäten stärker in den Blick zu nehmen und – ausgehend von den Beziehungen, Wertorientierungen und Integrationsanforderungen des Einzelnen – Raum zu schaffen für die Analyse von sich überlappenden und durchkreuzenden Zugehörigkeiten.

Wie setzen wir Integration vor Ort um?

Handlungsfelder zur Förderung der Integration der Migranten im Quartier.  Quelle: Prof. Andreas Farwick, Ruhr-Universität Bochum, Vortrag am 24.1.2013 in MannheimDieser Frage widmeten sich die Beiträge von Dr. Norbert Gestring, Universität Oldenburg, und Prof. Dr. Andreas Farwick von der Universität Bochum. Nach Gestring gelingt Integration auf der Quartiersebene dann, wenn sie von einer strukturellen Integration in die gesellschaftlichen Kernbereiche wie beispielsweise den regionalen Arbeitsmarkt, das örtliche Bildungssystem und die lokale Politik unterstützt wird. Eine notwendige Bedingung für eine Integration vor Ort sei außerdem, dass die Kommunen im Hinblick auf ihre finanziellen Mittel und ihr inhaltliches Aufgabenprofil auch in die Lage versetzt werden, diese umzusetzen. Hier sieht Gestring bei der Politik noch deutlichen Nachbesserungsbedarf. Zudem fehlten noch konkrete Ideen oder auch der Mut, Konflikte auszutragen, wenn es um den Abbau von Diskriminierung gehe, etwa bei den „Gatekeepern“ der Arbeits- und Wohnungsmärkte, die über Zugang zu und Platzierung in den jeweiligen Bereichen entscheiden (Arbeitgeber, Personalchefs, Vermieter, Sachbearbeiter in Wohnungsbaugesellschaften).

Im World‐Café diskutierten die Teilnehmenden das Zusammenleben im Quartier und die Möglichkeiten der Beeinflussung durch die KommuneFarwick fokussierte die Bedeutung von Migrantenquartieren für die Integration von neu Zugewanderten. Seiner Ansicht nach können solche Quartiere als „port of first entry“ aufgrund ihrer stabilisierenden Einflüsse generell eine wichtige Funktion insbesondere für neu zugewanderte Migranten haben. Sozialpolitisch bedenklich seien jedoch die Überlagerung der migrantischen mit der sozio-ökonomischen Segregation und die damit verbundenen negativen Folgen. Er forderte, Strategien zum Abbau der räumlichen Konzentration von Armut zu forcieren. Zusätzlich sei eine spezifische Förderung der Integration von Migranten im lokalen Kontext in verschiedenen Handlungsfeldern vonnöten (z. B. Wohnen und Wohnumfeld, migrantische Ökonomie, soziale und kulturelle Infrastruktur, Beteiligung).


Am Nachmittag diskutierten die Veranstaltungsteilnehmer in Kleingruppen folgende Themen:

•    Ambivalenzen von Zuwanderungspolitik zwischen „Willkommenskultur“, Integration und Diversität
•    Zusammenleben im Quartier
•    Viele Kulturen, viele Talente, viele Chancen? Migrant/-innen im deutschen Bildungssystem
•    Migrantenökonomie als stadtpolitisches Interventionsfeld

Die Arbeits- und Diskussionsphase ist inzwischen abgeschlossen und eine umfassende Publikation der Ergebnisse als Forschungsbericht ist in Vorbereitung. Die Publikation wird sich intensiv mit der Begriffsklärung auseinandersetzen und die Auswirkungen der internationalen Migration auf verschiedenen räumlichen Ebenen analysieren.