08.01.2014

Interview: Karrierewege nach der Promotion

Auf dem Doktorandentag haben wir die drei Referenten, Prof. Philip Goltermann, Dr. Stephan Löb und Dr. Marion Klemme, zu ihren persönlichen Werdegängen, zu einer Neuausrichtung der Promovierendenförderung sowie zu ihren Empfehlungen für Nachwuchswissenschaftler befragt. Das Gespräch führte Gabriele Schmidt.

Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, hat kürzlich gefordert, die Karriereförderung für Promovierende nicht mehr ausschließlich auf eine Laufbahn in der Wissenschaft auszurichten, sondern die Förderung auch auf andere Karrierewege auszudehnen und stärker den Kontakt zu Wirtschaft, Verbänden, Verwaltung, Politik und Medien zu suchen. Was halten Sie davon?

Goltermann: Das wäre zumindest eine Lösung für die Promovierenden, die nach der Promotion in die Praxis gehen möchten. Promotion und Berufstätigkeit sind momentan schwer zu vereinbaren. Wenn man bereits zwei, drei Jahre im Job ist, hat man entsprechende Verbindlichkeiten und Verpflichtungen aufgebaut. Und bei einer Halbierung der Arbeitszeit stellt sich die Frage, wie entstehende Einkommensverluste kompensiert werden können. Wenn man erst einmal raus ist aus der Wissenschaft, mangelt es oft an Netzwerkkontakten, über die man an Drittmittelstellen gelangen könnte. Ein Karriereförderprogramm, das Arbeitsaufenthalte außerhalb der Forschung ermöglicht, könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Klemme: Da nicht alle Promovierenden in der Wissenschaft unterkommen oder unterkommen wollen, könnte eine breitere Förderung ein Sprungbrett für eine Karriere außerhalb der Wissenschaft sein. Außerdem wird hier noch ein anderer Gedanke aufgegriffen: die transdisziplinäre Forschung. Durch Aufenthalte in anderen gesellschaftlichen Bereichen könnten die Promovierenden Impulse aus der Praxis in die Forschung geben, beide Bereiche kämen sich ein Stück näher. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis wird immer wichtiger und spielt auch im Wuppertal-Institut eine große Rolle.

Löb: Es sind häufig die Besten eines Jahrgangs, die nach dem Studium eine Promotion beginnen. Wenn von ihnen nur wenige in der Wissenschaft unterkommen und die anderen den Zugang in die Wirtschaft oder die Verwaltung nicht finden, ist das eine Verschwendung von Potenzial. Eine frühzeitige Vorbereitung auf andere Karrieremöglichkeiten könnte hier Abhilfe schaffen.

Haben wir mittlerweile vielleicht einfach zu viele Promovierende?

Goltermann: Das kommt auf den Fachbereich an. Im Bauwesen kann ich keine Promovierendenschwemme feststellen. Wenn ich mir die Bewerbungen ansehe, sind vielleicht zwei Prozent promoviert.

Klemme: Ja, es kommt auf die Branche an. Und ich würde diesem Gedanken so nicht folgen. Es ist unbestritten, dass wir in den verschiedenen Bereichen qualifizierte Leute brauchen. Das Problem sollte eher darüber gelöst werden, dass die Dissertation so gestaltet wird, dass die Absolventen nach ihrer Promotion auch noch in der Wirtschaft und in anderen Bereichen gefragt sind.

Herr Löb, Sie waren nach Ihrer Promotion weiter an der Hochschule tätig, bevor Sie eine Stelle in der öffentlichen Verwaltung angenommen haben. Fehlt Ihnen manchmal etwas, weil Sie nicht mehr forschen?

Löb: Nein, so geht es mir nicht. Die Forschung in den Raumwissenschaften ist heißgelaufen. Es gibt wenige Fragestellungen, die nicht schon einmal beantwortet worden sind. Außerdem habe ich in meiner Forschungstätigkeit gelernt, dass die wesentlichen Anregungen aus der Praxis kommen. Jetzt bin ich in der Praxis, und ich vermisse den universitären Betrieb nicht.

Frau Klemme, Sie haben sich entschieden, in der Forschung zu bleiben. Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie sich noch einmal so entscheiden?

Klemme: Ja, auf jeden Fall. Die Tätigkeit füllt mich aus, und ich habe immer die Themen und Projekte gefunden, die mich interessieren und bei denen ich das Gefühl hatte, dass ich mich einbringen kann. Ich glaube aber, dass ich als Geographin den Vorteil habe, mich durch eine Vielfalt an Themen weiterentwickeln zu können. Ich kann Forschungsfragen in den Bereichen Stadtentwicklung, Wohnen, Immobilien, öffentlicher Raum usw. bearbeiten. Ich bin nicht auf eine Nische festgelegt. Von daher würde ich mich jetzt auch wieder so entscheiden.

Löb: Wenn ich sage, ich vermisse nichts, dann ist das auch nicht ganz richtig. Die Wissenschaft hat die Möglichkeit, Problemstellungen in Ruhe zu Ende zu denken. Ohne diese Möglichkeit, Themen auch mal weiterzudenken, wäre ich aufgeschmissen. Aber die Raumplaner haben den großen Vorteil, dass sie in wissenschaftliche Netzwerke wie z. B. die ARL eingebunden sind und darüber den Kontakt zu den Universitäten und anderen wichtigen Einrichtungen behalten. Man hat immer noch den Fuß in der Tür. Ohne diese Netzwerke und Kontakte wäre Verwaltung wahrscheinlich nicht so schön, wie ich sie momentan empfinde.

Was empfehlen Sie Nachwuchswissenschaftlern, die in Ihrem Bereich arbeiten möchten?

Klemme: Mein erster Tipp für die Wissenschaft: nicht auf Schnelligkeit, sondern auf vielfältige Kompetenzen setzen. Es geht weniger darum, möglichst schnell die Dissertation durchzuziehen, sondern man sollte schauen, wie man sich weitere Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignet, z. B. in den Bereichen Akquise, Projektentwicklung, Projektsteuerung, Moderation. Außerdem rate ich dazu, in verschiedenen Formaten zu publizieren und darüber das eigene Profil auszudifferenzieren. Das Gleiche gilt für die inhaltliche Profilierung: Auch hier ist es vorteilhaft, sich breit aufzustellen, z. B. indem man das eigene Forschungsthema in verschiedenen Kontexten präsentiert und es für verschiedene Bereiche anschlussfähig macht. Dann hat man am Markt etwas zu bieten.

Löb: Wenn Sie bereits während der Dissertation wissen, dass Sie in die öffentliche Verwaltung wollen, sollten Sie Ihr Thema dahingehend überprüfen, welche Praxisbezüge es hat, und versuchen, die Empirie so aufzubauen, dass Sie Kontakte in die Verwaltung bekommen. Ich rate davon ab, auf Modethemen zu setzen. Diese sind häufig schon wieder verraucht, bevor die Promotion abgeschlossen ist. Ich würde stattdessen ein Thema wählen, das einen Praxisbezug über einen längeren Zeitraum hat. Und wenn die Möglichkeit gegebenen ist, würde ich in der Promotion eine Phase einplanen, in der ich in der Verwaltung mitwirke.

Goltermann: Ich schließe mich Herrn Löb an. Auch in der Wirtschaft geht es um Themenausrichtung, um Kontakte und um den frühzeitigen Aufbau eines Netzwerks.

Vielen Dank für das Gespräch.