08.01.2014 Annika Mayer

Gegen den Strom – Einsatz der Raumpioniere

Wer will heutzutage noch aufs Land ziehen? Im Trend liegt momentan eher ein Umzug vom Land in die Stadt oder in den suburbanen Raum. In Mecklenburg-Vorpommern, dem Bundesland mit der geringsten Bevölkerungsdichte und einer großen Anzahl kleinster Siedlungen, verursacht dieser Trend eine Menge Probleme. Der Bevölkerungsverlust von ca. 175.000 Einwohnern im Zeitraum von 2000 bis 2012 spricht für sich selbst. Vor allem die Jungen und Gebildeten wandern ab, und so gibt es leer stehende Häuser, leere Klassenzimmer und den kleinen Unternehmen fehlt die Kundschaft – das Leben auf dem Land verebbt.

Doch es gibt auch Leute, die gegen den Strom schwimmen und dem Trend nicht folgen: „Raumpioniere“ – so werden sie genannt. Sie ziehen in leer stehende Gehöfte und Siedlungsbereiche, bleiben in verfallenden Dörfern und versuchen, diese Orte durch Kreativität wieder mit Leben zu füllen. Sie ziehen oft mit romantischen Träumen aufs Land und wollen der Hektik und Anonymität der Großstadt entfliehen. Wie ergeht es ihnen auf dem Land und was können sie erreichen? Die Mitglieder der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Berlin / Brandenburg / Mecklenburg-Vorpommern wollten im Rahmen ihrer Herbstsitzung am 24. und 25. Oktober 2013 einige von ihnen und ihre Projekte kennenlernen. Deshalb fand die Herbstsitzung der LAG überwiegend in Form einer Exkursion durch das Gebiet der Mecklenburgischen Seenplatte statt.

Auferstehung einer Ruine

Erste Station war die Burg Klempenow in Breest. Noch vor 25 Jahren war sie nur eine Ruine. In der DDR-Zeit hatte man diese Burg verfallen lassen. Erst nach der Wiedervereinigung haben sich nicht nur die Grenzen nach Westen geöffnet, sondern es entstanden auch Freiräume für neue Ideen. Anfang der neunziger Jahre entwickelte eine Gruppe von kreativen Freunden, die unweit der Burg lebten, die Idee, in der Burg ein Begegnungs- und Kulturzentrum zu schaffen. In der Ruine? Eine verrückte Idee! Sie konnte jedoch realisiert werden: 1991 gründete sich der Verein KULTUR-TRANSIT-96 e. V. und brachte wieder Leben in die Burg. Sie wurde restauriert und seit mehr als zwanzig Jahren finden dort zahlreiche Veranstaltungen wie Konzerte, Jahrmärkte, Filmvorführungen und -festivals und verschiedene Vorträge statt. Das Programm richtet sich an Menschen aller Altersklassen. Es gibt auch ein Café, eine Galerie, einen Kanuverleih und nicht zuletzt die Möglichkeit, den Burgturm zu besteigen und die grandiose Aussicht zu genießen.

Wer sind die Leute, die dahinterstehen? Raumpioniere, die das Leben auf dem Land für sich und andere attraktiver machen wollen – und das, obwohl die meisten von ihnen ursprünglich nicht aus der Gegend stammen, sondern zugezogen sind.

Arm in Arm mit der Natur

In Wangelin, einem kleinen Ort westlich des Plauer Sees, besuchte die Gruppe anschließend den Wangeliner Garten. Er wurde vor mehr als zwanzig Jahren als Lernort gegründet und gilt als größter Kräutergarten Mecklenburgs. Das 15.000 m2 große Areal ist auch heute noch in der Entwicklung: Seit Kurzem „wachsen“ im Garten nicht nur Pflanzen, sondern auch neue Gebäude. Sie werden fast ausschließlich aus natürlichen Materialien – vornehmlich aus Lehm – gebaut. Ideengeber und Träger ist der „Verein zur Förderung ökologisch-ökonomisch angemessener Lebensverhältnisse westlich des Plauer Sees e. V. (FAL e. V.)“, der für ein umfangreiches Seminarprogramm mit internationaler Lehrpersonenbeteiligung sorgt. Zahlreiche Vorträge, Seminare und Workshops finden in Wangelin statt. Mittlerweile kommen Interessierte aus ganz Europa, um ihr Wissen zu erweitern. Die Idee hinter diesem Projekt ist so einfach wie plausibel: Es geht um Nachhaltigkeit und die Förderung einer Bauweise, die der Natur nicht schadet und den Menschen guttut sowie um die Inspiration des Menschen durch die Natur. Mit diesem Konzept möchte FAL e. V. auch einen Beitrag zum Erhalt der Region leisten. Möglichst viele Menschen sollen hier leben und arbeiten können. Der Ort fungiert deswegen – ähnlich wie Burg Klempenow – als Begegnungszentrum für die lokale Bevölkerung mit vielfältigem Kultur- und Lernangebot (z. B. Konzerte, Kino, Ausstellungen, Lesungen und Kräuterkurse). Für das Know-how in Lehmbautechnik hat FAL e. V. inzwischen europaweit Anerkennung gefunden. So wurde 2011 ein zukünftiges Seminargebäude für die Besonderheit der Bauweise und der verwendeten Baustoffe mit dem „Outstanding Earthen Architecture in Europe Award“ ausgezeichnet.

Die Exkursion endete in Bollewick, wo die Gruppe in der größten Feldsteinscheune Deutschlands übernachtete und am folgenden Tag in den Seminarräumen des Thünen-Instituts ihre Herbstsitzung beendete.