27.01.2016 Annika Mayer

Experten-Workshop „Kooperativ = integrativ?“

Am 4. September 2015 führte die Arbeitsgruppe einen Experten-Workshop zu kooperativen Ansätzen in der integrierten Stadtentwicklung in Hannover durch.

Die Kooperation verschiedener Akteure und die Ausbildung unterschiedlicher Governance-Formen nehmen im Kontext einer integrierten Stadt- und Quartiersentwicklung eine wichtige Rolle ein. Sie gelten als wesentliche Erfolgsfaktoren, wenn es um die Verstetigung angestoßener Projekte und Prozesse im Rahmen der Stadtentwicklung geht. Gerade im Handlungsfeld „Wohnen“ bilden sich seit jüngster Zeit, unter anderem durch die Gründung von „Bündnissen für Wohnen“ auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen vermehrt neue Kooperationsformen aus.

Ob und inwiefern diese Kooperationen zu einem stärkeren integrierten Handeln im Bereich Wohnen beitragen können, diskutierten rund 35 Experten und Expertinnen im Rahmen des Experten-Workshops.

Im Fokus standen dabei die Erfolgsfaktoren und Hemmnisse der Kooperationen im Kontext des Handlungsfeldes Wohnen. An den Beiträgen und regen Diskussionen beteiligten sich unterschiedliche Vertreter der öffentlichen Verwaltung, der Wohnungswirtschaft, Verbände bzw. Vereine der Zivilgesellschaft sowie der Wissenschaft. Organisiert wurde der Workshop von Mitgliedern der Arbeitsgruppe „Neue Wege für die integrierte Entwicklung des Wohnens in städtischen Räumen“ des Jungen Forums der ARL, die seit Herbst 2014 tätig ist und gleichsam aktiv am Workshop teilnahmen.

Integration auch bei den aktuellen Herausforderungen mitdenken!

In seiner Eröffnungsrede betonte Prof. Dr. Rainer Danielzyk, dass die AG die erste thematisch ausgerichtete Arbeitsgruppe des Jungen Forums sei. Er begrüßte, dass die Stadt und das Thema Wohnen angesichts der aktuellen Herausforderungen – so z.B.  der steigende Bedarf an Wohnungsneubau –  hochaktuell und gesellschaftlich relevant seien.

Hilmar von Lojewski, Beigeordneter des Deutschen Städtetags und Moderator der Veranstaltung, knüpfte an die eröffnenden Worte an und hob hervor, dass bei der integrierten Stadt- und Quartiersentwicklung das Thema der Unterbringung von Flüchtlingen unbedingt mitgedacht werden müsse und angesichts der Komplexität dieser Aufgabe eine stärkere Quartiersorientierung unumgänglich sei. Letztlich entscheide sich in den Quartieren, ob eine langfristige und erfolgreiche Integration der Zuwanderer gelinge.

Weiterhin sprach er die Hindernisse integrierter Stadt- und Quartiersentwicklung an, die in erster Line Folge der Ressortzuständigkeiten in der Verwaltung sowie unterschiedliche Fördertöpfe seien.

Hilmar von Lojewski vom Deutschen Städtetag (rechts) führte als Moderator durch die Veranstaltung (Foto: ARL).

Kooperation auf städtischer Ebene: Die Strategie im Fokus

Im ersten Themenblock der Veranstaltung standen jene Kooperationen im Fokus, die auf gesamtstädtischer Ebene stattfinden. Dr. Marie-Therese Krings-Heckemeier, empirica ag, berichtete über das aktuell laufende BBSR-Forschungsprojekt „Lokale Bündnisse für bezahlbares Wohnen und Bauen in ausgewählten Handlungsfeldern“. Im Fokus des Forschungsvorhabens stehe die Untersuchung von „Bündnissen für Wohnen“, die sich in wachsenden Städten ausgebildet haben. Als Beispiel für ein solches gesamtstädtisches Bündnis berichtete Gabriele Regenitter vom Amt für Wohnungswesen der Stadt Münster vom „Arbeitskreis Wohnen“, der bereits seit über zehn Jahren aktiv ist und somit auf langjährige Erfahrungen zurückblicken kann. Frau Regenitter stellte dabei heraus, dass Transparenz und Vertrauen wesentliche Bausteine seien, auf denen das Bündnis für Wohnen in Münster aufbaue.

Ralf Sygusch vom Referat Strategische Planung, Stadtentwicklung, Statistik der Stadt Wolfsburg stellte anschließend die Wohnbauoffensive vor, die Wolfsburg mit Unterstützung eines Bündnisses – und vor allem in Kooperation mit privatwirtschaftlichen Partnern – angeht. Wie auch in Münster, sind wesentliche Ziele dieses Bündnisses der Erfahrungs- und Informationsaustausch aller Beteiligten, die Mobilisierung und Motivation von Akteuren und die strategische Entwicklung der Stadt als Wohnstandort. In den beiden genannten Städten wurden Analysen des städtischen Wohnungsmarktes durchgeführt, die als wesentliche gemeinsame Kommunikationsbasis fungieren. In der (anschließenden) Diskussion stellten die Expertinnen und Experten die wesentliche Herausforderung in der Umsetzung der formulierten Ziele in konkrete Projekte. Während auf der gesamtstädtischen Ebene die Strategie im Fokus steht, stellt die Umsetzung dieser formulierten Zielsetzungen in konkrete Projekte aus Sicht der Referentinnen und Referenten eine wesentliche Herausforderung dar.

Das Quartier als wichtige Ebene für kooperatives Handeln

Der zweite Themenblock mit dem Fokus „Quartier“ wurde von Dr. Klaus Habermann-Nieße vom Büro planzwei eingeleitet. Er erörterte die Relevanz des Quartiers als Handlungsebene. Dabei stellte er heraus, dass gerade in den Quartieren, aufgrund ihrer Übersichtlichkeit und Nähe zu den Lebenswelten und Bedürfnissen der Bewohnenden die Chance bestehe, das Thema Wohnen ganzheitlich und nachfrageorientiert zu betrachten. Als eine Form des „Reallabors“ könnten in den Quartieren neue (Wohn-)Konzepte erprobt werden, die die Bewohnenden darin unterstützten, in den Quartieren ihre „Heimat“ zu finden und in ihr zu leben.

Susanne Linnebach vom Amt für Wohnen und Stadterneuerung der Stadt Dortmund stellte das Modellprojekt für kooperatives Handeln in der Dortmunder Großsiedlung Scharnhorst-Ost vor. Die wesentliche Herausforderung bestehe vor allem darin, den Schritt vom „Modell zur Routine“ zu meistern. Durch die langjährige Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ auf städtischer Ebene und im Quartier sei dies in Scharnhorst-Ost auch nach Auslaufen der Städtebauförderung gelungen.

Prof. Klaus Wermker widmete sich mit seinem Beitrag über den Stadtteil Essen Altendorf der Initiative privater Einzeleigentümer im Kontext integrierter Quartiersentwicklung. Durch Investitionen des kommunalen Wohnungsunternehmens und der Stadt – unterstützt durch das Landesförderprogramm „IdEE – Innovation durch EinzelEigentümer“ –  ist es gelungen, private Einzeleigentümer in die Stadtentwicklung zu integrieren und zu Investitionen in den eigenen Wohnungsbestand zu motivieren.

In den abschließenden drei Statements formulierten Robert Kulle von der Gesellschaft für Bauen und Wohnen Hannover mbH (GBH) aus Sicht der Wohnungswirtschaft, Fabian Rohland, vom Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. (vhw) aus Sicht der Zivilgesellschaft und Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik (DIfU) aus Sicht der Wissenschaft wesentliche Anforderungen und Herausforderungen für eine gleichzeitig kooperative und integrative Stadtentwicklung.

Rund 35 Experten und Expertinnen diskutierten in Hannover über das Potenzial von Kooperationen für eine integrierte Entwicklung im Bereich Wohnen (Foto: ARL)

Mit „Bündnissen für Wohnen“ städtebauliche Herausforderungen angehen

Die Vorträge zeigten auf, wie Kooperationen zwischen öffentlichen und nicht-öffentlichen Akteuren auf gesamtstädtischer Ebene und auf Quartiersebene organisiert sein können, welche Motivationen und Ziele hinter den Kooperationen liegen und welche Erfolgsfaktoren und Hemmnisse zum Tragen kommen. Deutlich wurde, dass es unterschiedliche Typen von Kooperationen gibt:

Kooperationen als sogenannte „Bündnisse“ sind vor allem in wachsenden Städten zu finden, während in schrumpfenden Regionen andere Bezeichnungen verwendet werden. Gleichzeitig sind Kooperationen auf gesamtstädtischer Ebene eher strategischer Natur und dienen im Wesentlichen dem Informations-, Erfahrungs- und Interessensaustausch während in den Quartieren die Umsetzungsorientierung im Fokus steht.

Unabhängig von der räumlichen Maßstabsebene zeigte sich, dass folgende Faktoren zum Erfolg einer Kooperation im Sinne integrierter Stadt- und Quartiersentwicklung beitragen:

  • eine umfassende Status-Quo-Analyse,
  • eine neutrale Moderation und Organisation,
  • gemeinsame Zielsetzungen und Strategien,
  • Vertrauen, Kontinuität und Verbindlichkeiten sowie
  • die starke Initiative seitens der kommunalen Verwaltung und politischer Rückhalt.

Die Fokussierung auf bestimmte Interessensbereiche und gemeinsame Schnittstellen scheint in diesem Kontext ein probates Mittel, um strategische Kooperationen in operatives Handeln zu überführen.



Judith Marie Böttcher, Svenja Grzesiok, Anja Müller und Mei-Ing Ruprecht