Die Geschichte der Regional- und Landesentwicklung in Mitteldeutschland

Herbstsitzung der LAG Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen

Den Rahmen für die diesjährige Herbstsitzung der Landesarbeitsgemeinschaft Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen am 19. Oktober 2012 in Merseburg bot das Ständehaus, in dem schon in den 1920er Jahren die ersten Beschlüsse zur Landesplanung gefasst worden sind. Im Zentrum der Veranstaltung standen die Geschichte der Raumplanung in der Region und die Verabschiedung von Prof. Dr.-Ing. Dietmar Scholich, Generalsekretär der ARL, der die LAG auf ihrer Sitzung besuchte.

Mitteldeutschland als Pionierregion der Raumordnung

Beispielhafte Darstellung im Planungsatlas MitteldeutschlandErste Ansätze für eine Landesplanung in Deutschland bildeten sich zuerst im Ruhrgebiet sowie in Mitteldeutschland heraus.

Dabei stellte die Landesplanung in Mitteldeutschland den „Prototyp nichtlinearer Planung“ dar, so PD Dr. Harald Kegler, Labor für Regionalplanung Dessau und Bauhaus-Universität Weimar, im ersten Vortrag der Veranstaltung. Trotz ihrer damals innovativen Stellung kam der mitteldeutschen Landesplanung lediglich eine informelle Rolle zu.

Eine wichtige Grundlage für die Landesplanung war der Planungsatlas Mitteldeutschland, dem eine dreiteilige Planungsstruktur zugrunde lag: Auf der ersten Ebene erfolgte eine Planung für das gesamte mitteldeutsche Gebiet, auf der zweiten Stufe die Planung für das engere mitteldeutsche Gebiet und auf der dritten Ebene waren städtebauliche Wirtschaftspläne angesiedelt. Die bemerkenswerte kartographische Qualität der Kartenwerke ermöglichte es den verschiedenen Akteursgruppen, die Planung gut nachzuvollziehen.

Die Planungen mussten letztendlich aber stark durch die einsetzende Wirtschaftskrise modifiziert werden. Die Entwicklung neuer Siedlungen kam ebenso wie der Wohnungsbau nahezu zum Erliegen. Ausgerechnet der im Planwerk eher eine untergeordnete Rolle spielende Bau von Autobahnen wurde ab 1933 favorisiert.

Grenzen der Landes- und Regionalplanung in Mitteldeutschland

LEP Sachsen 1994Der Leiter der Lenkungsgruppe der LAG, Dr. Ludwig Scharmann, Staatsministerium des Innern des Freistaats Sachsen, warf einen selbstkritischen Blick auf die Geschichte der Landes- und Regionalplanung in Sachsen seit der Wiedervereinigung.

Auch vor dem Hintergrund der neuen Arbeitsgruppe der LAG, „Chancen und Bedingungen der Kooperation im Rahmen der Metropolregion Mitteldeutschland“, stellte er in seinem Vortrag auf die Geschichte und Bedeutung einer mitteldeutschen Metropolregion ab. Bereits 1994 wurde im ersten LEP des Landes der Grundstein für die sog. Europäische Cityregion Sachsendreieck gelegt und dabei auch eine länderübergreifende Positionierung vorgenommen. In der anschließenden Diskussion stellten die Teilnehmenden zwar den allgemeinen Willen zur länderübergreifenden Zusammenarbeit heraus, verdeutlichten aber auch, dass die Zusammenarbeit auf Widerstände treffe, sobald es um konkrete Einzelprojekte geht.

Rückblick auf 20 Jahre LAG-Arbeit

Erstmals 1990 lud die ARL 23 Personen ein, an der neu eingerichteten RAG mitzuwirken (s. a. nachfolge Ausführungen von Prof. Dr. Dr. Bernhard Müller). Die Leitung der RAG übernahm Prof. Dr. Gerold Kind, Weimar. In ihren Statements erinnerten Dipl.-Geogr. Thomas Hecker und Dipl.-Volksw. Hans Joachim Schenkhoff an die Herausforderungen in der Regionalen Planungsstelle Chemnitz bzw. im Landesverwaltungsamt Thüringen; sie gaben einen interessanten Rückblick auf „20 Jahre LAG Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen“.

So berichtete Hecker von den ersten Kontakten ab 1990 zu westdeutschen Regionalplanern und Wissenschaftlern, die einen Erfahrungs- und Wissensaustausch ermöglichten und Hilfestellungen zum Zusammenwirken in den Grenzregionen oder etwa bei kartographischen Darstellungen boten. Schenkhoff gab einen Einblick in die nach der Wende notwendigen Fragen nach dem zweckmäßigen Aufbau der Organisation der Landes- und Regionalplanung.

Zur Verabschiedung von Prof. Dr.-Ing. D. Scholich

Die ostdeutsche Territorialplanung stand – bedingt durch den Systemwechsel – nach dem Zusammenbruch der DDR vor einer Neuausrichtung. Auch wenn in Ostdeutschland nach der Wende der Grundsatz „Freiheit statt Planung“ propagiert wurde, so erschien die „ordnende Hand“ des Staates in Form der Raumplanung als unverzichtbar. Sie sollte aber an die Gegebenheiten in den neuen Ländern angepasst und weiterentwickelt werden. Der ARL – insbesondere Dietmar Scholich – ist es zu verdanken, so Prof. Dr. Dr. Bernhard Müller, IÖR, dass die erheblichen Wissensdefizite aufseiten west- wie auch ostdeutscher Wissenschaftler und Planer rasch behoben werden konnten.

Am 5./6. April 1990 diskutierte das Präsidium der ARL auf seiner Sitzung über die Einrichtung von Regionalen Arbeitsgemeinschaften im Gebiet der neuen Länder. Bereits am 26. Juni 1990 wurde die RAG Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen in Halle (Saale) gegründet. Schon wenige Wochen später formulierte sie eine Stellungnahme zur Organisation der Raumordnung in den südlichen Ländern Ostdeutschlands.
Bernhard Müller würdigte in seiner Laudatio die Leistungen von Dietmar Scholich beim Aufbau der ostdeutschen RAGs und sprach ihm auch seinen persönlichen Dank aus.

Dietmar Scholich dankte den Mitgliedern und Gästen der LAG für so viele freundliche Worte. Er hob hervor, dass die LAGs – neben den temporären AKs – die wichtigsten Arbeitsformen in der Akademie sind, eine der zentralen Säulen der Gesamtstruktur und bei der Aufgabenerfüllung der ARL. Sie sind auf Dauer angelegt und bearbeiten im jeweiligen Zuständigkeitsbereich ihre Themen inter- und transdisziplinär. Damit sind die sieben LAGs Garanten für Kontinuität unter dem Dach der Akademie. Mit Blick auf die Zusammensetzung, die Ausrichtung der Arbeit sowie den regelmäßigen und auf Qualität ausgerichteten Output ihres Schaffens sind, nach Scholichs Ansicht, die LAGs der ARL ohne Vergleich. Das Konzept der Akademie mit AKs und LAGs habe sich hervorragend bewährt.

Bei seiner Würdigung der Leistungen der LAG Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen ging Scholich auf die Entstehung und Entwicklung der LAG ein. Möglicherweise habe es an seinen Görlitzer Wurzeln gelegen, dass ihm die Ehre zufiel, gemeinsam mit Prof. Dr. Bruno Benthien, Greifswald, und Prof. Dr. Gerold Kind, Weimar, in den damaligen neuen Bundesländern zunächst Regionale Arbeitsgemeinschaften aufzubauen, die später in Landesarbeitsgemeinschaften überführt wurden. Ohne das Engagement, das Wissen und die Erfahrungen von Benthien und Kind würde die ARL nicht über die heutigen leistungsfähigen Forschungsstrukturen in diesen Teilen Deutschlands verfügen.

Obwohl die südöstliche LAG 30 Jahre jünger ist als die westdeutschen LAGs, weise sie eine beeindruckende Leistungsbilanz auf. Das gelte für die Forschungstätigkeit ebenso wie für die Politikberatung. Darüber hinaus habe die LAG immer auch den Kontakt über ihre Grenzen hinweg gesucht, nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch über die Staatsgrenze hinweg, besonders in die Tschechische Republik und nach Polen. Als jüngstes Beispiel nannte Scholich die Regionalplanungstagung Sachsen Ende letzten Jahres. Sie war der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit in der Raumentwicklung gewidmet.
Scholich dankte den Mitgliedern der LAG für die langjährige gute Zusammenarbeit, für das Engagement in der und für die ARL und wünschte der LAG auch für die Zukunft viel Erfolg.

Neue Arbeitsgruppen der LAG

Aufgrund des Abschlusses der beiden aktuellen Arbeitsgruppen werden Kapazitäten für die Einrichtung neuer Arbeitsgruppen frei. In Kürze wird die AG „Chancen und Bedingungen der Kooperation im Rahmen der Metropolregion Mitteldeutschland“ ihre Arbeit aufnehmen. Unter Vorsitz von Prof. Dr. Martin T. W. Rosenfeld, IWH, hat eine kleine Vorbereitungsgruppe – erstmals in der LAG – einen Call for Membership vorbereitet und durchgeführt, um Mitwirkende für die AG zu gewinnen. Die Arbeitsgruppe soll zum einen die Metropolenforschung der Akademie durch einen Beitrag aus mitteldeutscher Sicht ergänzen, zum anderen wird sie einen Beitrag zur internationalen Forschung über metropolitan regions liefern.

Einen ähnlichen Weg wird auch die zweite Vorbereitungsgruppe unter Leitung von Dr. Ludwig Scharmann beschreiten, um für die Arbeitsgruppe „Regionalentwicklung 2013/2019 – neue Wege im Lichte von EU-Strukturfonds und Solidarpakt“ Mitwirkende zu gewinnen.

Mitgliederwahlen

Auf Vorschlag der Lenkungsgruppe wurde Dipl.-Geogr. Markus Egermann zum neuen Mitglied der LAG gewählt. Er ist seit 2005 am IÖR in Dresden tätig und hat für die LAG in der AG Freiraumschutz unter Prof. Dr. Stefan Siedentop mitgearbeitet. Zudem ist er Mitglied der Vorbereitungsgruppe der neu gegründeten Metropolregion-AG.
Die zum Jahresende 2012 auslaufenden Mitgliedschaften von Dr. Robert Bartsch, Stadtverwaltung Weimar, Prof. Dr. Matthias Gather, Fachhochschule Erfurt, Dipl.-Ing. Marion Schilling, Regionale Planungsgemeinschaft Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg, und Dipl.-Ing. Simone Strähle, Thüringer Landesverwaltungsamt sowie Mitglied der Lenkungsgruppe der LAG, wurden einstimmig verlängert.