25.05.2021

Corona-Pandemie und raumwirksame Folgen

137. Sitzung der LAG Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland am 19.03.2021

© Katrina Günther/Thinking Visual

Die Frühjahrssitzung der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland fand als Online-Konferenz statt. Knapp 70 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis – weit über die LAG hinaus – diskutierten über raumwirksame Perspektiven und Politiken in der Pandemie. 

Drei Impulsvorträge boten vielfältige Ansatzpunkte für die anschließende Diskussion. Prof. Dr.-Ing. Sabine Baumgart, Präsidentin der ARL, stellte das ARL-Positionspapier „SARS-CoV-2-Pandemie: Was lernen wir daraus für die Raumentwicklung?“ des Ad-hoc-Arbeitskreises „Pandemie und Raumentwicklung“ vor (https://shop.arl-net.de/media/direct/pdf/pospapier/pospapier_118.pdf). Sie beleuchtete u. a. Handlungsprinzipien für die Raumplanung zur Bewältigung der Folgen der Pandemie und skizzierte Handlungsempfehlungen für unterschiedliche räumliche Ebenen. Die Handlungsprinzipien stützen sich dabei auf grundlegende Konzepte wie Resilienz, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sowie eine räumliche Risiko- und Daseinsvorsorge, die auf dem Integrations- und Kooperationsprinzip aufbaut. In der anschließenden Diskussion wurde hervorgehoben, dass die räumliche Planung einen maßgeblichen Beitrag auf verschiedenen Ebenen leisten könne, dazu jedoch eine stärkere Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit sowie eine intensive Kooperation mit anderen raumwirksamen Fachpolitiken notwendig sei. Auch die Frage nach der Notwendigkeit eines neuen Forschungsfeldes „Pandemie“ in der Raumforschung wurde gestellt. 

Im zweiten Impulsvortrag sprach Prof. Dr. Christian Schulz, Universität Luxemburg, über Beobachtungen und Perspektiven der Postwachstumsdebatte in Zeiten der SARS-CoV-2-Pandemie. Er zeigte eine Reihe von Berührungspunkten zwischen verschiedenen, derzeit geführten Diskussionssträngen auf – für den Einzelhandel, die gewerblich-industrielle Produktion, für Landwirtschaft und Ernährung, Wohnen und Arbeit. Mit Blick auf die raumwirksamen Folgen der Pandemie wurde die neue Sichtbarkeit und Dringlichkeit der Postwachstumsdebatte deutlich. Zudem erörterte er unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten der Planungs- und Raumentwicklungspolitik bei verschiedenen Postwachstumsprozessen sowie Implikationen für das Selbstverständnis der Raumplanung. In der anschließenden Diskussion wurde über die Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten diskutiert, aber auch über die Bedeutung der Pandemie als möglicher Katalysator oder lediglich temporäres Phänomen der Krise. Als Fazit bleibt festzuhalten, dass die Anpassungs- und Lernfähigkeit von Gesellschaft(en) gestärkt und eine (neue) Gemeinwohlorientierung in kommunale und unternehmerische Prozesse eingebracht werden müsse.

Prof. Dr. Annette Spellerberg und Dr. Ute Neumann, beide TU Kaiserslautern und Erstere Vizepräsidentin der ARL, gaben im dritten Impulsvortrag einen Einblick in die Ergebnisse ihrer Befragung zu „Wohnen und Homeoffice während der Corona-Pandemie“. Es wurde zunächst auf veränderte Wohnbedarfe hingewiesen. Als bevorzugten Wohnstandort gaben die Befragten Klein- und Mittelstädte an; somit ist ein häufig angenommener Trend „zurück auf das Dorf“ in der Befragung nicht erkennbar. Die Referentinnen sprachen von einem möglicherweise stärkeren Flächenbedarf für Wohnraum und stellten eine höhere Umzugsbereitschaft im Mietsektor fest. Ein weiteres Ergebnis der Befragung ist die Selektivität von Homeoffice aus sozialer Perspektive: So profitieren überwiegend vergleichsweise gut Gebildete mit höheren Einkommen von der Möglichkeit, Homeoffice machen zu können. Als positiv empfanden die Befragten vor allem das ruhige und störungsfreie Arbeiten sowie den Wegfall des Arbeitsweges. Als negativ bewertet wurde das Fehlen sozialer Kontakte und fachlichen Austausches. Zukünftig wünschen sich die Befragten ein hybrides Arbeiten, d. h. teilweise zu Hause und teilweise im Betrieb/Büro. Sollten sich die Tendenzen zu Homeoffice oder mobilem Arbeiten verstärken, müssten soziale und räumliche Ungleichheiten ausgeglichen werden sowie (mangelnde) Handlungsspielräume derjenigen Berücksichtigung finden, die diese Option nicht in Anspruch nehmen können.

In einem zusammenführenden Kommentar zu den Vorträgen und Diskussionen regte Prof. Dr. Antje Bruns, Universität Trier, mit Blick auf die Folgen der Corona-Pandemie an, Planungspraktiken in Hinblick auf den Ressourcenverbrauch zu überdenken. Aspekte räumlicher, sozialer und ökologischer Gerechtigkeit sollten stärker in die Debatte eingebracht werden und zu neuen Handlungsprinzipien führen. Hierbei könnten Studien zum Alltagsverhalten Auskunft über Ressourcen- und Materialströme geben. Die Frage sei, wie aus den multiplen Krisen gelernt werden könne und welche Bewältigungsformen und welche Risikovorsorge erforderlich seien. Katrina Günther (Thinking Visual, Berlin) illustrierte zentrale Aspekte der Vorträge in oben stehendem Graphic Recording (PDF).