Arbeitskreis Multilokale Lebensführung und räumliche Entwicklungen

: Rainer Danielzyk
: Andrea Dittrich-Wesbuer
: Gerd Tönnies

Multilokale Lebensformen hat es in den meisten Gesellschaften und zu fast allen historischen Zeiten gegeben. Sie können als eine Form von Mobilität verstanden werden, deren eigenständige soziale Praxis eine Kombination von Wohnen (Sesshaftigkeit) und Mobilität (Migration) darstellt. Multilokale Arrangements beziehen mehrere, z. T. weit voneinander entfernte Wandstandorte in den Lebensalltag von Menschen bzw. sozialen Gruppen ein und erweitern so deren Möglichkeits- bzw. Handlungsraum. Dadurch werden die Anforderungen an die Gestaltung des Alltagslebens komplexer und es wachsen die raumzeitlichen Koordinations-/Synchronisationsbedarfe. Zugleich nimmt der Zeitanteil des Lebens in den (Transitions-) Räumen zwischen den Wohnstandorten zu und prägt die Lebensführung. Beweggründe für multilokales Leben können beispielsweise bessere Erwerbs- (Professionalisierung der Arbeitswelt, wachsende Erwerbstätigkeit von Frauen) oder Bildungschancen, persönliche Kontakte, Freizeitwohnsitze und Beziehungen zu (Kultur-)Landschaften sein.

Trotz ihrer ausgeprägten sozialräumlichen und raumzeitlichen Bezüge gibt es bisher nur sehr wenige raumwissenschaftliche Untersuchungen zum Thema „multilokales Leben“. Dies scheint sich gegenwärtig allerdings zu ändern. Als Grund hierfür werden Wandlungen in der Struktur des Phänomens Multilokalität angeführt. Die zurzeit praktizierten Formen multilokaler Lebensführung scheinen Rückschlüsse auf gesellschaftlichen Wandel, veränderte Raumnutzungsansprüche und damit auf neue Muster der gesellschaftlichen „Raumproduktion“ zu ermöglichen.

Aus raumplanerischer und raumentwicklungspolitischer Sicht werden die Folgen multilokaler Haushaltsführung eher kritisch beurteilt; sie führt zu wachsendem Verkehrsaufwand und zur Erosion des Humanvermögens in den Fortzugsgebieten qualifizierter Arbeitskräfte. In positiver Hinsicht ist demgegenüber teilweise ein (partieller) Einkommenstransfer aus den strukturstarken Arbeitsorten in die strukturschwächeren Herkunfts- bzw. Wohnorte festzustellen. Im Zusammenhang mit Tendenzen der Reurbanisierung, generell wachsenden Anteilen der Ein- und Zweipersonenhaushalte und der Zunahme urban orientierter alleinerziehender Erwachsener können auch Multilokalisierungstendenzen die in innerstädtischen Gebieten vielfach bestehende Flächenproblematik (Verknappung, steigende Miet- und Immobilienpreise) zusätzlich verschärfen.

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Der Arbeitskreis sucht derzeit (Einsendeschluss 27.04.2012) Mitwirkende über einen Call for Membership.